Der Skandal um die Handy-Schnüffelei britischer
Boulevardreporter weitet sich aus: Reporter sollen nicht nur Telefone von
Prominenten abgehört haben - nun gerät auch die Londoner Polizei in Verdacht,
vertrauliche Informationen an Journalisten verkauft zu haben.
London - Der Polizei der britischen Hauptstadt könnten
höchst unangenehme Befragungen bevorstehen: Mitglieder des Parlaments wollen
die Nachforschungen im aktuellen Presseskandal auch auf die Metropolitan Police
ausweiten. Es bestehe der Verdacht, dass Beamte regelmäßig bezahlt worden seien
und im Gegenzug vertrauliche Informationen über Prominente und Verdächtige
weitergegeben hätten, berichtet die britische Zeitung "Guardian". Labour-Abgeordnete
wollen demnach am kommenden Dienstag entscheiden, ob die Ermittler nun auch
untersuchen sollen, wie Detektive etwa an Vorstrafenregister gelangten oder
Datenbanken für Autokennzeichen anzapften, um die vertraulichen Informationen
an Journalisten zu verkaufen. In der letzten Woche hatte Scotland Yard
entschieden, die Ermittlungen im Skandal um die Handy-Schnüffelei britischer
Reporter nicht zu erneuern. Die Vorwürfe sind demnach bekannt, bereits vor drei
Jahren hatte die Polizei die Handy-Abhörpraktiken untersucht. Das Ende der
polizeilichen Überprüfung allerdings macht Abgeordnete der Labour Partei nun
misstrauisch. Sie fordern weitere Ermittlungen und damit die Gewissheit, dass
die Polizei nicht Schmiergelder in den eigenen Reihen vertuschen möchte,
berichtet der "Guardian".
Tory-Berater im Kreuzfeuer
Mit Hilfe von Detektiven hatten sich Journalisten der
Sonntagszeitung "News of the World" im großen Stil in
Mailboxen der Mobiltelefone eingehackt, um aus den Sprachnachrichten
vertrauliche Informationen für ihre Geschichten zu ziehen. Unter den bis zu
3000 im Jahr 2006 ausspionierten Prominenten sollen auch die Schauspielerin
Gwyneth Paltrow, der Popsänger George Michael, das Supermodel Elle MacPherson
und der frühere Vizepremierminister John Prescott sein. Drei der Ausspionierten zogen vor Gericht, als sie Wind von
der Verletzung ihrer Privatsphäre bekamen. Aber sie wurden laut
"Guardian" mit insgesamt über einer Million Pfund zum Schweigen
gebracht. Allein die außergerichtliche Einigung mit dem Boss der britischen
Fußballer-Gewerkschaft, Gordon Taylor, soll 700.000 Pfund gekostet haben. Der Presseskandal setzt auch den britischen
Oppositionsführer David Cameron unter Druck. Denn der damalige Chefredakteur
der "News of the World", Andy Coulson, ist inzwischen Medienberater
Camerons, der als nächster britischer Premierminister gehandelt wird. Chefstratege Coulson fand sich in der letzten Woche auf
sämtlichen Titelseiten wieder, also genau da, wo Spindoktoren eigentlich nie
auftauchen sollten. Mehrere Labour-Politiker forderten bereits seinen Kopf.
Zwar stellte sich Cameron sogleich hinter Coulson. Er leiste exzellente Arbeit,
sein Job sei sicher, sagte der Tory-Chef. Doch die Labour-Partei wittert Munition gegen den scheinbar
unschlagbaren Gegner. Die Labour-Abgeordneten beteuerten zwar, ihre Forderung
nach weiteren Ermittlungen sei nicht durch Hetzerei gegen die Tories motiviert.
Wenn erneute Nachforschungen allerdings weitere üble Machenschaften unter der
Ägide Coulsons ans Licht brächten, könnte das auch Camerons Ruf empfindlich
schädigen. cpa