Geheimdienstskandal in Dänemark: Prominentestes Opfer war
Rudi Dutschke. Sozialdemokraten bespitzelten KP
Kein dänischer Bürger darf allein wegen seiner
Mitgliedschaft in einer legalen politischen Bewegung observiert werden, hatte
1968 die damalige Mitte-Rechts-Regierung Dänemarks erklärt, als bekannt
geworden war, dass der Geheimdienst des Landes, PET, umfassende Personenarchive
angelegt hatte. Ein Abonnement der kommunistischen Zeitung »Land und Volk« oder
eine Touristenreise nach Osteuropa waren Grund genug für die Registrierung. Mit
der Regierungserklärung schien der Handlungsspielraum der Geheimdienstler nun
begrenzt, doch die vom Justizministerium bestätigten internen Richtlinien
setzten weite Grenzen. Das kann jetzt in einem 16-bändigen Bericht nachgelesen
werden, den die sogenannte PET-Kommission nach zehn Jahren Arbeit
Justizminister Brian Mikkelsen übergab.
Begonnen hatte alles 1998, als zwei Fernsehjournalisten
aufdeckten, dass der Geheimdienst bis zum Ende des Kalten Krieges alle linken
Parteien und Bewegungen und auch rechtsextreme Gruppen genauestens überwachte.
Maulwürfe wurden eingeschleust, Computer durchleuchtet, Büros heimlich
durchsucht usw. – alles, was ein Geheimdienst üblicherweise tut. Und keine Spur
von gemütlichen, leicht vertrottelten Polizisten à la Olsenbande.
Prominentestes Überwachungsopfer war Rudi Dutschke, der seine letzten
Lebensjahre im dänischen Århus verbrachte und trotz schlechten
Gesundheitszustandes geheimdienstlichem Misstrauen unterlag.
Bis weit in die 70er Jahre hinein, so beschreibt es die
fünfköpfige Kommission, bestand eine Arbeitsteilung, bei der die
sozialdemokratisch gesteuerte »Arbeiter Informations Centrale« (AIC) die
Überwachung vor Ort, oft an Arbeitsplätzen, übernahm. Die Sozialdemokraten
wollten genau wissen, was die Kommunistische Partei Dänemarks innerhalb der
Gewerkschaften plante, wo sie über zahlreiche Vertrauensleute verfügte und
scharfer ideologischer Kampf zwischen beiden ausgetragen wurde. AIC gab gern
ihre Informationen weiter, bis sie nach Aufdeckung ihrer illegalen Tätigkeit
aufgelöst werden musste und der Geheimdienst die Schmutzarbeit nun allein
weiterführte.
Die PET-Kommission bestätigte darüber hinaus, dass
Mitglieder der Dänischen Kommunistischen Partei vertrauliche Informationen
insbesondere an die diplomatischen Vertreter der Sowjetunion und DDR
weitergaben. Widerlegen konnte sie hingegen, dass Kommunisten 1948 einen Putsch
vorbereiteten, was ihnen jahrzehntelang vorgeworfen worden war und als Anlass
zur Überwachung gedient hatte.
Für die breite dänische Öffentlichkeit war überraschend, in
welch großem Umfang PET gewerkschaftliche Aktivitäten und insbesondere
langwierige Arbeitskämpfe überwachte. Hier betrieb man eine Art vorbeugende
Rasterfahndung, um herauszufinden, welche Personen das Potenzial hatten,
Sabotageakte während eines bewaffneten Konfliktes auszuführen. Das könnte
vielleicht noch mit Kalter-Kriegs- Hysterie erklärt werden, doch die Kommission
fand Beweise, dass die Observation noch bis in die 90er Jahre stattfand.
Ähnlich ging es der Friedens- und Frauenbewegung. PET war immer an allem
interessiert.
Der Geheimdienst fand viele Mauselöcher, um seine Archive behalten
bzw. weiterführen zu können. Die überlaufenden Archive der 50er und 60er Jahre,
in der bis zu 300 000 Dänen registriert worden waren, sollten nach dem 1968er
Regierungsbeschluss vernichtet werden. Groß war jedoch die Überraschung bei den
verantwortlichen Politikern, als sie einige Jahre später erfuhren, dass der
damalige PET-Chef eine heimliche Kopie auf Mikrofilm anfertigen und in der
dänischen Botschaft in Washington aufbewahren ließ.
Das Mandat der PET-Kommission war auf die Zeit des Kalten
Krieges beschränkt. Im Ergebnis ihrer Arbeit haben bisher nur zu linke Parteien
gefordert, die parlamentarische Kontrolle zu verstärken und eventuell
betroffenen Bürgern ein Klagerecht einzuräumen. Einige der damals überwachten
Personen habennun Zugang zu den eigenen Akten und eine generelle Öffnung der
Archive gefordert, doch momentan sind die Erfolgschancen schlecht. Eine
parlamentarische Mehrheit dafür gibt es nicht. Und auch die oppositionellen
Sozialdemokraten haben wenig Interesse an umfassender Archivöffnung – wegen
ihrer eigenen »Dreckwäsche« und weil sie eine Reihe Justizminister als oberste
Verantwortliche für den Geheimdienst gestellt hatten.
Vermuten kann die Öffentlichkeit nur, dass die Überwachung
weiter geht, wenn auch mit verändertem Fokus: vor allem auf muslimische
Gruppierungen mit vermeintlichem Terrorpotenzial, aber weiterhin auch auf linke
Gruppierungen. Die seit 2001 verabschiedeten Antiterrorgesetze geben dafür
ausreichend Handhabe.
Quelle: Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, 11.7.2009, von Andreas Knudsen