Industriespionage nimmt weltweit in alarmierendem Ausmaß zu.
Manche Staaten halten Konkurrenzausforschung gar für ein legitimes Mittel im globalen
Wettbewerb. Große Konzerne geraten ebenso ins Fadenkreuz wie der
innovationsfreudige Mittelstand. Mit isolierten Schutzvorkehrungen für dieses
oder jenes technische System ist dem Problem nicht beizukommen.
Notwendig ist vielmehr ein ganzheitlicher Risikomanagementansatz, bei dem die
Information als solche in den Mittelpunkt rückt und über ihren Lebenszyklus
hinweg betrachtet wird. Informationssicherheit darf auch nicht länger allein
der IT-Abteilung überlassen bleiben. Die Führungsetage steht unter Zugzwang:
Manager müssen ihre Mitarbeiter für das brisante Thema sensibilisieren und dem
Schutz geschäftskritischer Informationen die entsprechende Priorität im
Unternehmen verschaffen.
Information ist das Lebenselixier der Wissensgesellschaft: Kaum ein Prozess
unserer Lebens- und Arbeitswelt, der nicht von steuernden, überwachenden oder
dokumentierenden Informationsflüssen begleitet wäre. Vernetzte IT-Systeme in
Fabriken, Banken und Behörden, Universitäten, Kauf- und Krankenhäusern und
nicht zuletzt im Wohnzimmer daheim - die digitale Datenflut schwillt
unaufhaltsam an. Aus jüngsten Erhebungen, die IDC im Auftrag von EMC
durchgeführt hat, geht hervor, dass 2007 weltweit etwa 281 Milliarden Gigabytes
im Umlauf waren. Bis 2011, so die Prognose, werde sich das digitale Universum
gegenüber 2006 auf 1,8 Billionen Gigabyte verzehnfachen. Das sind knapp 2
Trilliarden Zeichen - eine Zahl mit 21 Stellen.
SCHÄDEN IN MILLIARDENHÖHE
Wie gut ein Unternehmen relevante Informationen selektieren und zu komplexem
Wissen verknüpfen kann - davon hängen Innovationskraft und Geschäftserfolg
unmittelbar ab. Informationen indes sind ein flüchtiges Gut: Wie leicht lassen
sie sich digital kopieren, und manches Geschäftsgeheimnis fließt verbal aus dem
Unternehmen ab, etwa in einem unbedachten Gespräch auf einer Messe. Da die
Information nicht im Wortsinn verloren geht, sondern "nur" der
exklusive Besitz daran, bemerkt zunächst meist niemand den Verlust. Erst wenn
mit fremdem Know-how billig hergestellte Waren den Markt zu Dumping-Preisen
überschwemmen, wird der Datendiebstahl offenkundig. Dann aber ist es zu spät.
Besonders bitter: Kaum eine Versicherung kompensiert Schäden infolge von
Industriespionage. Denn in der Regel ist es sehr schwierig, den Spionagevorfall
selbst sowie den dadurch verursachten monetären Schaden zu beziffern, wie es
gängige Vertrauensschadenversicherungen jedoch verlangen.
Die Dunkelziffer von Industriespionagevorfällen ist riesig. August Hanning,
Staatssekretär im deutschen Bundesinnenministerium und ehemaliger Leiter des
Bundesnachrichtendienstes sprach im Oktober letzten Jahres von geschätzten 20
Mrd. Euro pro Jahr. In einem Interview führte er weiter aus: "Im
verschärften internationalen Wettbewerb operieren unsere Konkurrenten beim
Ringen um Marktanteile zunehmend mit dem Mittel der Wirtschaftsspionage. Sie
ersparen sich damit eigene Forschungs- und Entwicklungskosten." Diebstahl
statt Forschung, so das leider stimmige Kalkül, senkt die Produktionskosten der
Konkurrenten. Von Ausspähung durch Geheimdienste und ausländische
Konkurrenten in besonderem Maße bedroht sind laut einem bericht des deutschen
Verfassungsschutzes Spitzentechnologiefelder. Genannt werden: Automobilbau,
erneuerbare Energien, Chemieindustrie, Kommunikationstechnik, Optoelektronik,
Röntgen- und Rüstungstechnologie, Verbundwerkstoff- und Materialforschung sowie
Werkzeugmaschinenbau.
DIE TRICKS DER DATENDIEBE
Die Spionagemethoden beinhalten klassische Ausforschungs- und Abhörmethoden und
schließen verstärkt generalstabsmäßig geplante Angriffe auf Computernetze und
digitale Kommunikationssysteme ein. Der chinesische Geheimdienst beispielsweise
schleust vermehrt als Praktikanten getarnte Spione in deutsche Firmen ein,
warnen dort die Verfassungsschützer. Russische Dienste hingegen versuchen,
Mitarbeiter anzuwerben, um sie im Anschluss abzuschöpfen. Vorsicht geboten ist
auch bei externen Mitarbeitern: Beratern wird zum Beispiel allzu leichtfertig
ein eigener Netzwerkanschluss und damit Zugriff auf sensible Unternehmensdaten
gewährt. Oder bestochene Reinigungskräfte schließen unbeobachtet einen
sogenannten Key-Logger an die Bürocomputer an. Die unscheinbaren Adapter werden
einfach zwischen Tastaturkabel und PC gesteckt und schneiden dann sämtliche
Tastatureingaben mit. Besonders interessant natürlich: Zugangskennungen und
Passwörter. Diese lassen sich auch über den Monitor auf einfache Weise
erschleichen. Denn vor allem ältere Computer strahlen ihr Bild meterweit ab.
Oft genügt eine einfache Fernsehantenne im Nebenraum, um den Bildschirminhalt mitzulesen.
Immer aufwendiger und raffinierter dagegen werden professionelle
Hightech-Lauschangriffe: Wanzen erleben ein Comeback, versteckt zum Beispiel in
der Kaffeekanne. Selbst vertrauliche Gespräche in geschlossenen Räumen lassen
sich aus großer Entfernung abhören - etwa per Laser, der die Vibration von
Fensterscheiben abtastet.
Auch beim Informationsschutz gilt: Prophylaxe ist die beste Therapie.
Angesichts unüberschaubarer Datenmengen und in vielen Unternehmen
fluktuierender Belegschaft kann Prävention nur durch ein
informationszentriertes Risikomanagement gelingen. Ziel muss es sein, die
Integrität und Vertraulichkeit geschäftskritischer Informationen während des
ganzen Lebenszyklus mit minimalem Kostenaufwand zu garantieren. Unabhängig
davon, wo diese Informationen gespeichert sind und wer in welcher Situation und
über welches Zugangsmedium darauf zugreift.
GANZHEITLICHES INFORMATION RISK MANAGEMENT
Nicht alle Informationen sind aus Sicherheitsperspektive in gleichem Maße
schutzbedürftig. Zunächst gilt es herauszufinden, wo im Unternehmen welche
Arten von Informationen generiert, verarbeitet, wiederverwendet und schließlich
archiviert werden. Im zweiten Schritt ist festzustellen, welche dieser Daten
vertraulich sind. Beantworten lässt sich diese Frage nur im Kontext der
konkreten Geschäftsprozesse und vor dem Hintergrund von Organisationsstruktur,
Personal, IT-Anwendungen und der alles verbindenden Netzwerkinfrastruktur. Je
höher das Tempo auf den Märkten, desto dynamischer wird diese Umgebung.
Der Schutz vor Vertraulichkeits- und Integritätsverlust von
Informationen kann daher kein ein für allemal erreichbarer Zustand sein.
Information Risk Management muss stattdessen als fortwährender Prozess im
Information Lifecycle Management fest verankert werden.
Erst die detaillierte Kenntnis des Statusquo im Unternehmen schafft die
Voraussetzung für eine fundierte Risikobewertung und liefert damit die
Entscheidungsgrundlage für gegebenenfalls notwendige Investitionen in
zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen. Der Ablauf für ein durchgängiges Risk
Information Management lässt sich grob in folgende Abschnitte gliedern:
Identifizieren und Klassifizieren: Geschäftskritische
Informationen werden über sämtliche Datenquellen hinweg lokalisiert und gemäß
Schutzbedarf priorisiert.
Definition von Sicherheitsrichtlinien: Hier wird der Umgang
mit sensiblen Informationen konkret festgelegt, also das „Wie" des Informationsschutzes
beschrieben. Richtlinien betreffen zwar vorrangig Daten und IT-Infrastruktur,
schließen aber auch Personalfragen ein, zum Beispiel Verhaltens- und
Kommunikationsregeln mit Partnern, Kunden und Medien.
Durchsetzen der Richtlinien: In diesem Schritt werden alle
erforderlichen organisatorischen Maßnahmen eingeleitet und entsprechende
Technologien implementiert, beispielsweise Authentifizierungs- und
Zugriffskontrolllösungen für bestimmte IT-Anwendungen sowie
Mitarbeiterschulungen und die Vergabe von Rollen und Rechten.
Kontrolle und Dokumentation: Schließlich gilt es, die
Einhaltung der Richtlinien zu überwachen und den Sicherheitsstatus technischer
Systeme lückenlos zu dokumentieren.
COMPLIANCE WIRD BEZAHLBAR
Der präventive Schutz vor digitalen oder traditionellen Spionageangriffen hat
noch einen weiteren Aspekt: In vielen Branchen nämlich blockiert der Zwang,
Compliance mit einem schier undurchschaubaren Dickicht nationaler und EU-weiter
Bestimmungen nachzuweisen, etliche Abläufe und treibt die Kosten in die Höhe.
Die Verifizierbarkeit der Sicherheit schutzwürdiger Geschäftsinformationen samt
aller zugrundeliegenden Prozesse und Systeme schafft Abhilfe und ermöglicht
damit auch eine kosteneffiziente Compliance-Strategie. Ein ganzheitliches Information-Risk-Konzept,
das in eine übergeordnete ILM-Strategie eingebettet ist, vermeidet demnach
nicht nur wirtschaftliche Schäden infolge von Industriespionage, sondern
begrenzt zugleich laufende Kosten. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens
wird also auch auf dieser Ebene nachhaltig gestärkt. Und dreisten Dieben wird
das kriminelle Treiben zunehmend schwerer gemacht - wenn nicht sogar unmöglich.
(EMC/rnf)