Der frühere Dissident Stanislav Penc veröffentlichte am
Dienstag auf seiner Webseite
zwei Datenbanken der früheren tschechoslowakischen Geheimpolizei StB
(Státní bezpecnost, Staatssicherheitsdienst). Die Datenbanken EZO und SEZO, die
der StB im November 1989 fertigstellte, enthalten nach Aussage von Penc Angaben
über ca. 100.000 Personen, die für den StB als Agenten oder Informanten tätig
waren, mit ihm zusammengearbeitet hatten oder von ihm angesprochen wurden.
Momentan sind die Daten anscheinend nicht verfügbar, da der
Server dem Besucheransturm nicht gewachsen war. Die Datenbanken werden zurzeit
auf einen anderen, leistungsstärkeren Server übertragen und sollen im Laufe der
nächsten Tage wieder zur Verfügung stehen.
Bisher standen die Informationen des früheren StB unter der Hoheit des
Instituts zum Studium totalitärer Regime. Das Verhalten dieses Instituts war
für Penc der ausschlaggebende Grund für die Veröffentlichung der Daten im
Internet: "Ich habe das gemacht, damit das Archiv der Sicherheitsdienste
und das Institut zum Studium totalitärer Regime das Monopol verlieren über
diese Informationen". Ihn störte besonders, dass man für eine Anfrage beim
Institut konkret angeben musste, über welche Person man Auskünfte erhalten
wollte. Penc selbst hatte die beiden Datenbanken vor mehreren Jahren vom
damaligen Leiter des slowakischen Nationalarchivs, Ján Langoš, erhalten. Langoš
ist zwischenzeitlich verstorben.
Pavel Žácek, der Leiter des Instituts zum Studium totalitärer Regime,
kritisierte die Veröffentlichung und gab an, sein Institut habe bereits mehrere
hunterttausend Angaben zum StB im Internet veröffentlicht: "[...] alle
loben das, nur Penc nicht". Er wies außerdem darauf hin, dass die von Penc
veröffentlichten Listen voller Fehler steckten und vielen Menschen erheblichen
Schaden zufügen könnten. Penc weist seinerseits auf Fehler in den bisherigen
Veröffentlichungen des Instituts hin und meinte, das Auftauchen eines Namens in
der Liste würde noch keine Aussage über die juristische oder moralische Schuld
einer Person zulassen, weitere Recherchen seien notwendig. Die Öffentlichkeit
habe jedoch ein Recht auf den Zugang zu diesen Daten.
Damit macht sich der Aktivist für meine Begriffe das Leben dann doch etwas zu
einfach. Die Frage nach den Rechten der Betroffenen, insbesondere derjenigen,
die entweder unberechtigter Weise aufgeführt werden oder die selbst Opfer
waren, die zur (wie auch immer gearteten) Zusammenarbeit gezwungen wurden,
umgeht er durch Vereinfachung auf Stammtischniveau. Das "Recht der
Öffentlichkeit" wird nur allzu oft vorgeschoben, um hunderte von
Einzelschicksalen zu ignorieren - Schicksale von Menschen, die durch die
willkürliche Veröffentlichung nach all der Zeit erneut zum Opfer werden,
verursacht durch genau die Personen, die sich die Gerechtigkeit und den Schutz
der Bürgerrechte auf die Fahnen geschrieben haben. Ironie des Schicksals oder
blanker Zynismus, diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten.
Die Argumentationen von Penc und Žácek weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit
der aktuell laufenden Debatte zu den deutschen Stasi-Akten auf. Penc: "Wir
vermuten, dass ein ziemlich großer Teil der Leute, die heute in der staatlichen
Verwaltung arbeiten, eine Vergangenheit als StB-Agent hat, von der bis heute
niemand etwas weiß."
Welche Auswirkungen die Veröffentlichung haben wird, bleibt abzuwarten. Ich
hoffe nur, dass es nicht zu einer blinden Hexenjagd kommt, mit der niemandem
gedient ist. Penc jedenfalls geht aufs Ganze: er will nun per Gerichtsbeschluss
durchsetzen, dass auch das Institut zum Studium totalitärer Regime die
Datenbanken ungefiltert veröffentlicht.