Die Spitzelaffäre der Deutschen Bank betraf offenbar nur vier
Personen. Trotzdem könnte sie große Folgen haben
Frankfurt - Als die Deutsche Bank vor sechs Wochen
mitteilte, sie untersuche mögliche Verstöße gegen die Konzernsicherheit, war
die Aufregung groß. Zwar wiegelte die Bank ab, es handle sich vermutlich nur um
wenige Fälle. Doch schien nicht ausgeschlossen, dass nach der Telekom und der
Deutschen Bahn nun auch bei der größten deutschen Bank eine groß angelegte
Datenaffäre auffliegen könnte. Jetzt zeichnet sich ein Bild ab, wer tatsächlich
bespitzelt wurde. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung geht es nur um
vier Personen. Dennoch könnten die Verstöße Folgen bis in die Spitze der Bank
haben.
Die Deutsche Bank hatte im Mai die Kanzlei Clearly Gottlieb
beauftragt, die Sicherheitsverstöße zu untersuchen. Der Bericht der Kanzlei ist
nun offenbar fertig. Die Bank will sich aber erst zu dem Thema äußern, wenn
auch die Finanzaufsicht Bafin ihre Ermittlungen abgeschlossen hat. Das könnte
aber noch bis August oder länger dauern. Erst dann wird die Deutsche Bank wohl
auch Konsequenzen aus der Affäre ziehen. Die Aufsicht prüft nämlich vor allem,
welche Prozesse nicht funktionieren und wer letztlich die Verantwortung für die
Verstöße trägt.
Der große Knall steht also noch aus. Und im Moment deutet
vieles darauf hin, dass es eher leise zischt, wenn der Schlussstrich unter die
Affäre gemacht wird. Offenbar geht es um vier Fälle von Sicherheitsverstößen,
die in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Als erstes wurde offenbar das
frühere Aufsichtsratsmitglied Gerald Herrmann bespitzelt. Der Verdi-Vertreter
bestätigte einen Bericht des Spiegel, wonach die Deutsche Bank ihn vor einigen
Tagen darüber informiert habe. Auslöser für die Überwachung soll eine Anfrage
der amerikanischen Börsenaufsicht SEC gewesen sein, heißt es in Bankenkreisen.
Sie wollte wissen, warum die Ergebnisse der Deutschen Bank für das dritte
Quartal 2003 vorzeitig bekannt geworden waren. Die Bank vermutete ein Leck bei
Herrmann, der sich in seiner Zeit als Aufsichtsrat zwischen 1998 und 2003 immer
wieder kritisch zur Bank geäußert hatte. Der Verdacht habe sich jedoch rasch
als unbegründet erwiesen. Hermann empörte sich darüber, dass die Bank ihn erst
jetzt darüber informierte und verlangte im Handelsblatt eine persönliche
Entschuldigung von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.
Im Jahr 2006, rückte eine andere Person ins Visier der
Deutschen Bank, die ihr ein Dorn im Auge war: Der Aktionär Michael Bohndorf,
der als Anwalt auf Ibiza lebt, zieht bis heute gegen die Deutsche Bank zu Felde
und erhebt sehr ähnliche Vorwürfe gegen das Institut wie der Medienunternehmer
Leo Kirch. Deshalb wollte die Bank offenbar wissen, welches Verhältnis er zu
Kirch unterhält. Kirchs Anwälte und auch Bohndorf haben stets betont, dass
zwischen ihnen keine Verbindung besteht. Bei der Bespitzelung Bohndorfs ging
die Deutsche Bank offenbar weiter als in den drei übrigen Fällen.
Bewegungsprotokolle wurden erstellt, sein Privatleben ausgeforscht, ja sogar
ein weiblicher Lockvogel soll eingesetzt worden sein. Es heißt jedoch, zwar sei
der Auftrag für die Überwachung von der Sicherheitsabteilung der Bank gekommen,
sie sei jedoch von einer externen Firma durchgeführt worden, die dann den Bogen
überspannt habe.
Ähnlich verhielt es sich bei den beiden übrigen Opfern des
Sicherheitsstrebens der Bank: Vorstandsmitglied Hermann-Josef Lamberti sowie
eine Privatperson aus dem Umfeld eines weiteren Vorstandes. In diesen Fällen
war offenbar nicht Misstrauen gegen die Vorstände der Grund für eine
Überwachung. Vielmehr ging es um eine Art Übung: Die Bank wollte herausfinden,
wie leicht es für Externe möglich wäre, sich einem Vorstand zu nähern oder
Kontakt zu ihm aufzunehmen. Dazu seien Leute auf Lamberti angesetzt worden, die
beispielsweise mit einem Blumenstrauß bei ihm zu Hause auftauchten und Wanzen
platzierten.
Nach systematischer Bespitzelung sieht all das nicht aus -
wenn das tatsächlich alles ist. Gleichwohl wird nicht nur die Bafin fragen, wer
für solche Verstöße verantwortlich ist. In den Jahren 2002 bis 2006 war der
heutige Aufsichtsratschef Clemens Börsig als Finanz- und Risikovorstand für die
Konzernsicherheit verantwortlich. Deshalb hatte es vom Beginn der Affäre an
geheißen, Börsig könne durch die Vorgänge Schaden erleiden. Sicher ist das
nicht, zumal unklar ist, ob die Bespitzelung Bohndorfs nicht nach Börsigs
Wechsel in den Aufsichtsrat erfolgte. Doch etwas könnte hängen bleiben an
Börsig, der seit seinem Machtkampf um die Nachfolge Josef Ackermanns ohnehin
als angeschlagen gilt.