ST.GALLEN. Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St.
Gallen baut die Kontrollen aus und will unter anderem einen Spezialisten für
Versicherungsmissbrauch anstellen. Nach drei Jahren soll überprüft werden, ob
sich der Aufwand lohnt.
Sie sorgen jeweils für viel Wirbel in den Medien: die
Geschichten um entlarvte Betrüger, die sich mit erschlichener Invalidenrente
samt Ergänzungsleistungen ein bequemes Leben organisieren. Schnell werden
jeweils schärfere Kontrollen gefordert. Die SVP stellte in diversen Kampagnen
die IV-Bezüger als «Scheininvalide» unter Generalverdacht. Doch wie hoch ist
die Betrugsrate? Ein bis höchstens drei Prozent, wie die Behörden vermuten?
Zehn Prozent, wie einige Politiker behaupteten?
Mehr Kontrollen
Aussagekräftige Daten fehlen, der politische Druck ist
trotzdem stetig grösser geworden. Das Bundesamt für Sozialversicherung
verlangte letztes Jahr mit einem Schnellschuss, dass in den Kantonen 30
Sozialdetektive angestellt werden müssten. Nach Protesten – unter anderem des
Direktors der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Linus Dermont
– wurde diese Ankündigung zurückgenommen. Geblieben ist, dass das Bundesamt
einen deutlich höheren Kontrollaufwand fordert und dafür auch zusätzliche
Mittel vorgesehen sind.
Budget für «Observationen»
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA)
verfügt deshalb neu über ein Budget für «Observationen». Eines der Ziele
solcher Aufträge an private Firmen ist die Überwachung von IV-Rentnern, bei
denen der Verdacht besteht, dass sie Ergänzungsleistungen beziehen, aber nicht
mehr in der Schweiz leben. Die Forderung nach einem Ausbau der Kontrollen
trifft neben der Invalidenversicherung vor allem die Sozialämter. Bereits
entstand wegen der steigenden Nachfrage ein neuer Markt von privaten Anbietern,
die solche Aufgaben übernehmen wollen.
Auf dem Tisch von Linus Dermont liegen Offerten mit
verschiedenen Stundenansätzen für Überwachungen tagsüber, nachts oder am
Wochenende. Erste Aufträge wurden bereits erteilt, für eine Beurteilung der
Wirksamkeit ist es noch zu früh: Man wolle damit zuerst Erfahrungen sammeln.
Kritische Dossiers prüfen
Die SVA will neben bereits erfolgten Veränderungen, wie der
Früherfassung am Arbeitsplatz oder dem Beizug von IV-Ärzten bei der Beurteilung
der einzelnen Fälle, intern eine zusätzliche Stelle aufbauen, die kritische
Dossiers unabhängig überprüft.
Juristisch ausgebildet
Vergangenen Samstag schaltete die Sozialversicherungsanstalt
Inserate, in denen ein Leiter oder eine Leiterin Versicherungsmissbrauch
gesucht wurde. Gefragt sind keine Detektive, sondern Personen mit einer
juristischen Ausbildung (Anwaltspatent, Forensik, Schadenrecht) «sowie
Kenntnissen des Strafrechts oder einer fundierten Grundausbildung mit
mehrjähriger Erfahrung in kriminalpolizeilicher resp.
untersuchungsrichterlicher Ermittlungsarbeit».
Das Inserat ziele auf Leute, die einen ähnlichen Job bereits
bei einem der grossen Privatversicherer ausgeübt hätten, so der SVA-Direktor.
Die Stelle soll nicht in die internen Abläufe eingebunden sein, sondern
selbständig entscheiden können, welche Fälle genauer untersucht werden müssen.
Professionell umsetzen
Lohnt sich der Aufwand? Dies könne man nur herausfinden,
wenn man die Missbrauchsbekämpfung professionell umsetze, sagt Dermont. Wichtig
sei, dass man von Beginn weg Daten für eine spätere Auswertung erhebe. In drei
Jahren sollten dann genügend Erfahrungen vorliegen, um belegen zu können, ob
sich die Ausgaben rechtfertigen.