Doris Dörrie verfilmte "Happy Birthday, Türke!",
einen Band aus der Romanreihe, die der türkischstämmige deutsche Schriftsteller
Jakob Arjouni über den Privatdetektiv Kemal Kayankaya
geschrieben hat (Diogenes Verlag, Zürich 1985). Die Detektivstory dient vor
allem dazu, das Unterweltmilieu einer Großstadt wie Frankfurt am Main
auszuleuchten und zu veranschaulichen, welcher Zerreißprobe Ausländer durch die
Konfrontation mit einer fremden Lebensweise ausgesetzt sind. Atmosphäre und
Charaktere sind Doris Dörrie wichtiger als die Handlung. "Happy Birthday,
Türke!" ist nicht ihr bester Film, aber sehenswert ist er allemal.
Kemal Kayankaya, Privatdetektiv in Frankfurt, ist zwar
Türke, spricht aber kein Wort türkisch.Ein ganz normaler Tagesbeginn für den türkischstämmigen
Kemal Kayankaya, Privatdetektiv in Frankfurt: Er schluckt das obligatorische
Aspirin, registriert den Nebel, der um die Hochhäuser der Stadt wabert, und
genehmigt sich im Auto auf dem Weg in sein Büro erst einmal eine Dose Bier.
Doch dann ist es mit der Normalität vorbei. Eine gut aussehende Türkin platzt
herein und redet…
Der Film beginnt mit der Großaufnahme einer ausgetretenen
Zigarette im Treppenhaus einer Frankfurter Mietskaserne. Frühmorgens zieht der
Hausmeister (Oliver Nägele) mit Kreide einen Kreis um das Corpus Delicti und
eine Linie zur Wohnungstür von Kemal Kayankaya (Hansa Czypionka). Kemal
Kayankaya ist Türke, aber er spricht kein Wort türkisch. Er wurde in
Deutschland geboren. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater, und zwei
Jahre später verlor er auch die Mutter. Bei den Pflegeeltern lernte er nur
Deutsch. Polizist sollte er werden. Weil daraus nichts wurde, richtete er eine
Privatdetektei ein. Das stellte er sich so ähnlich vor wie die Aufgabe eines
Hausarztes: Man kann zwar nicht viel ändern, aber für den einen oder anderen
könnte es wichtig sein, dass man da ist.
Endlich schlug ich die Augen auf [...]
Den Spiegel mied ich. Ich ging in die Küche, setzte Wasser auf und suchte
Filtertüten. Das lief noch eine Weile so, bis heißer Kaffee vor mir dampfte. Es
war der elfte August neunzehnhundertdreiundachtzig, mein Geburtstag. Die Sonne
stand schon weit oben und blinzelte mir zu. Ich trank Kaffee, spuckte Satz auf
die Küchenkacheln und versuchte, mich an den letzten Abend zu erinnern. Ich
hatte mir eine Flasche Chivas geleistet, um den folgenden Tag in angemessener
Weise einzuleiten. Das war sicher, denn die leere Flasche stand vor mir auf dem
Tisch [...] (Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke!) An seinem Geburtstag kommt
eine Türkin in sein Büro. Illter (Özay Fecht) spricht türkisch, wechselt jedoch
ins Deutsche, als sie merkt, dass Kayankaya keine andere Sprache versteht. Ihr
Ehemann Ahmed ist seit vier Wochen verschwunden. Am gleichen Tag, als Illter
ihren Mann zum letzten Mal sah, kam ihr Vater Vasif bei einem Autounfall ums
Leben: Aus irgendeinem Grund war er nach Kronberg gefahren und hatte unterwegs
einen Hochspannungsmasten gerammt. Der Detektiv soll Ahmed suchen und
ermitteln, wie es zu dem tödlichen Unfall Vasifs kam. Obwohl ihr Mann
arbeitslos gemeldet ist und auch vorher nur als Arbeiter in einer
Müllverbrennungsanlage gearbeitet hatte, macht sich Illter keine Kopfzerbrechen
über das Honorar und zieht auch gleich einen Tausendmarkschein als Anzahlung
aus der Tasche.
Der Beamte in der zuständigen Polizeiwache (Joachim Król) verweist Kayankaya an
seine Frankfurter Kollegen. Dort gibt sich der Detektiv als Beauftragter der
türkischen Botschaft aus, aber Paul Futt (Lambert Hamel), der Leiter der
Mordkommission, dem er auf dem Korridor begegnet, kennt ihn von früher und
begleitet ihn zum Ausgang. Illter wohnt mit Mutter, Bruder, Schwester und drei
Kindern zusammen. Die Mutter (Emine Sevgi Özdamar) und der Bruder Yilmaz (Ömer
Simsek) behaupten, Ahmed treibe sich nur herum. Mit der Schwester, die sich in
einem anderen Zimmer aufhält, darf Kayankaya nicht sprechen. Angeblich leidet
sie unter Depressionen. Er fragt Illter nach einem Bild ihres Mannes. Sie gibt
ihm ein Hochzeitsfoto. Ob sie kein Bild von ihm allein habe? Da reißt sie das
Foto in der Mitte durch und gibt ihm die linke Hälfte. Als der Detektiv im
Frankfurter Bahnhofsviertel herumfragt, ob jemand den Mann auf dem Foto kennt,
wird er darauf aufmerksam gemacht, dass Ahmed (Emin Boztepe) gerade
vorbeiläuft. Weil drei ausländerfeindliche Jugendliche Kayankaya ein Bein
stellen und er stürzt, verliert er den Gesuchten allerdings bald schon wieder
aus den Augen.
In einer Stripbar lernt er die Prostituierte Margrit alias Susi (Nina Petri)
kennen und erfährt von ihr, dass Ahmeds Freundin Hanna Hecht (Meret Becker) auf
dem Babystrich anschafft. Wenig später sieht Kayankaya den Gesuchten mit einem
Messer im Rücken tot auf der Straße liegen. Auch Kommissar Futt und dessen
Assistent Harry Eiler (Ulrich Wesselmann) sind zur Stelle. In einer Kneipe
findet Kayankaya Hanna Hecht. Er gibt sich als Freund Ahmeds aus, und sie nimmt
ihn mit in ihre Wohnung. Doch als er ihr die Wahrheit sagt, holt sie ihren
Freund zu Hilfe, der den Besucher mit vorgehaltener Pistole hinauswirft. Dem
ist allerdings nicht entgangen, dass Hannas Arme zerstochen sind. Illters
Mutter kritisiert Kayankaya: "Sie sind nicht sehr klug. Sie sehen nur mit
den Augen." Später wird Futts Frau zu ihm sagen: "Man darf seinen
Augen nicht trauen." Von Illter erfährt er schließlich, dass sie heiraten
musste, weil Yilmaz – der als Koch in der Kantine des Hessischen Rundfunks
arbeitet – die Spielschulden ihres Vaters nicht mehr bezahlen konnte. Ihr Vater
sei durch die Konfrontation mit dem westlichen Lebensstil aus der Bahn geworfen
worden, berichtet sie. Ihr Mann habe dann angefangen, mit Drogen zu
handeln, um das erforderliche Geld aufzutreiben. Auch ihre Schwester ist
süchtig. Die einzige Zeugin des Unfalls, bei dem Vasif ums Leben kam, eine
Bauerntochter, wurde neben einem Haus, dessen Dach gerade neu gedeckt wurde,
tot aufgefunden. Man nahm an, dass ihr ein Ziegel auf dem Kopf gefallen war. Es
könne sich jedoch auch um einen heftigen Schlag mit einem Knüppel gehandelt
haben, räumt der Arzt ein, als Kayankaya nachfragt. Jemand versucht, ihn mit
dem Auto zu überfahren. Im letzten Augenblick springt er zur Seite. Daraufhin
lässt er sich von Margrit eine Pistole geben, dringt in die Wohnung Hannas ein
und schlägt deren Freund nieder. Hanna klärt ihn darüber auf, dass Ahmed beabsichtigte,
seine Schwägerin in einem Sanatorium unterzubringen und mit der Familie seiner
Frau aus Frankfurt wegzuziehen. Nicht er, sondern sein Vater war ihr Geliebter.
Kayankaya wendet sich an Futts Vorgänger, den Pensionär Löff (Stefan Wigger).
Mit dessen Hilfe findet er heraus, dass Harry Eiler das Protokoll über Vasifs
Unfall verfasste und Paul Futt das Papier abzeichnete. Die beiden waren auch
zur Stelle, als Ahmed erstochen aufgefunden wurde! Zufällig trifft Kayankaya
den Chef der Mordkommission und Hosch (Christian Schneller), den Leiter des
Rauschgiftdezernats, in einer italienischen Kneipe. "Ohne Ausländer wäre
es langweilig", stichelt Futt. Kayankaya entgegnet: "Ohne Ausländer
würden Sie als erstes an Ihrer eigenen Scheiße ersticken." In das Büro des
Privatdetektivs wurde eingebrochen. Alles ist durchwühlt. Als Kayankaya zu
Hause in der Badewanne liegt und mit Hilfe eines Kasettenrekorders Türkisch
lernt, überfallen ihn zwei vermummte Männer und prügeln mit Schlagstöcken auf
ihn ein.
Ausgerechnet der Hausmeister, der ständig nörgelt, der Türke müsse sich endlich
an die deutsche Sauberkeit gewöhnen, bringt den Verletzten ins Krankenhaus.
Nachdem man Kayankaya dort verbunden hat, fährt er mit Löff zur Materialausgabe
des Polizeipräsidiums. Wurde die Unfallzeugin nicht möglicherweise durch einen
heftigen Schlag auf den Kopf umgebracht? Eiler hat
sich mit Futts Genehmigung zur fraglichen Zeit einen neuen Schlagstock
aushändigen lassen! Kayankaya läutet an Futts Wohnungstür. Dessen Ehefrau
(Doris Kunstmann) erwartet gerade ihren Liebhaber Horst. Sie hält den Detektiv
nicht davon ab, in der Wohnung herumzusuchen. Er findet einen Erpresserbrief
mit Buchstaben, die aus einer Zeitschrift ausgeschnitten wurden. Da rast er zu
Hanna. Dort trifft er auf Eiler und Hosch, die Hanna und ihren Freund
zusammengeschlagen haben. Hanna ist noch in der Lage, gemeinsam mit Kayankaya
die beiden Beamten zu überwältigen und zu fesseln. Jetzt sollen sie reden.
Hanna hilft nach, indem sie abwechselnd Eilers Ohren und Finger in den
glühenden Toaster zwängt. Schließlich gesteht er, dass Futt, Hosch und er mit
Rauschgift gehandelt haben. via DieterWunderlich.de