Der Aufsichtsrat der Bahn macht Druck bei der Aufklärung der
Datenaffäre. Das Interesse daran ist sehr verschieden
Berlin - Die Aufklärung der Datenaffäre bei der Bahn geht in
die entscheidende Runde. Am Wochenende trat auf Einladung von Aufsichtsratschef
Werner Müller in Essen der "Compliance-Ausschuss" des Gremiums
zusammen. Dort seien die Spielregeln für die weitere Untersuchung vereinbart
worden. Nach Informationen aus Teilnehmerkreisen sehen die Ermittler gute
Chancen, schon bis Ende nächster Woche Ergebnisse vorlegen zu können. Dann
dürfte auch die Stunde der Wahrheit für Bahnchef Hartmut Mehdorn schlagen.
Sowohl Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) als auch die Gewerkschaften
hatten zuletzt den Druck auf Mehdorn erhöht.
Worum geht es in der Datenaffäre?
Die "Datenaffäre" steht für den massenhaften
Abgleich von Mitarbeiter-Daten mit denen von Lieferanten. Die Bahn betrieb ihn
nach eigenen Angaben zur Bekämpfung der Korruption. Der Vergleich von
Kontonummern und Adressen sollte offenlegen, inwieweit Mitarbeiter eigene
Firmen gegründet haben, denen sie Aufträge zuschanzen. Dreimal wurden die
Mitarbeiter seit 1998 "Screenings" unterzogen, für Führungskräfte gab
es zwei Aktionen extra. Der Fahndungserfolg war mäßig. Auftragnehmer der Bahn
war in zwei Fällen die Detektei Network, die auch in die Spitzelaffäre bei der
Telekom verstrickt ist. In 43 weiteren Fällen war Network mit speziellen
Nachforschungen beauftragt worden, die Bahn zahlte rund 800 000 Euro dafür.
Eine Kölner Detektei betrieb zudem Nachforschungen, bei denen sie auch illegal
Kontobewegungen überprüfte.
Welche Rolle spielt Konzernchef Hartmut Mehdorn, was wusste
er?
Der Bahnchef beteuert, von den Datenabgleichen nichts
gewusst zu haben. Dennoch ist die Lage für ihn heikel. Denn die zuständige
Abteilung, die interne Revision, unterstand direkt dem Büro des Vorstandsvorsitzenden.
Hat die Bahn Gesetze gebrochen?
Bisher gibt es dafür keine Belege. Allerdings sei nicht
auszuschließen, "dass beauftragte Dienstleister beim Einholen von
Informationen gegen Gesetze verstoßen haben", heißt es im Zwischenbericht
der Bahn zur Datenaffäre. Nachvollziehen lässt sich vieles nicht mehr,
Unterlagen fehlen. Unklar ist, ob sie vernichtet wurden. Anonyme Anzeigen
deuten darauf hin, bewiesen ist nichts. Der Berliner Datenschutzbeauftragte
Alexander Dix wirft der Bahn vor, eine "Rasterfahndung" betrieben zu
haben. Dix hat wegen mutmaßlicher Datenschutz-Verstöße Bußgeldverfahren
eingeleitet.
Wer soll die Affäre aufklären?
Seit gut einem Monat gehen "Sonderermittler" der
Datenaffäre nach. In Einzelgesprächen und anhand von Dokumenten wollen die
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sowie die beiden Rechtsanwälte und
Ex-Minister Herta Däubler-Gmelin und Gerhart Baum herausfinden, wer welche
Verantwortung trägt. Bis zur Aufsichtsratssitzung am 27. März soll ein erster
Bericht vorliegen. Parallel hat der Vorstand eine eigene Kanzlei beauftragt,
die wiederum die Aufklärung überwacht. Schon gibt es Streit: Däubler-Gmelin und
Baum beklagen, sie würden bei der Arbeit behindert, der Bahnvorstand wiederum
zweifelt an der Unbefangenheit der beiden.
Wie läuft eine solche Aufklärung?
Bei Affären in anderen Konzernen hat der jeweilige
Aufsichtsrat Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfer eingeschaltet, die
unabhängig vom Vorstand die Fälle untersuchten. Die Sonderermittler waren
eigenständig, sie entschieden selbst, welche Mitarbeiter als Zeugen vernommen
werden. Der Vorstand blieb komplett außen vor, die Sonderprüfer berichteten
ausschließlich dem Aufsichtsrat. So gelangten die Ermittler oft an
Informationen, die Vorstände belasteten.
Was wollen die Gewerkschaften?
Der Kurs der beiden Gewerkschaften Transnet und GDBA ist
bemerkenswert konfrontativ. In einem gemeinsamen Positionspapier zogen Transnet
und GDBA an diesem Wochenende erstmals eine Ablösung Mehdorns in Betracht. Zu
unterschätzen ist die Rolle der Gewerkschaften nicht. Sie haben viel Einfluss
auf den Aufsichtsrat, traditionell aber auch auf die SPD. Sowohl Kirchner als
auch sein GDBA-Kollege Klaus-Dieter Hommel sitzen im Aufsichtsrat.
Welche Interessen hat die Koalition? SPD und Union sind
gespalten. Für die Sozialdemokraten hätte es gewissen Reiz, die Datenaffäre für
einen Wechsel an der Bahnspitze zu nutzen. Als Koalitionspartner hätten sie
derzeit noch Einfluss auf die Nachbesetzung des Postens. Ob das nach der
Bundestagswahl Ende September auch so sein wird, ist ungewiss. Umgekehrt sieht
es die Union: Insbesondere die Kanzlerin stützt Mehdorn; womöglich in der
Hoffnung auf eine unionsnahe Besetzung nach der Wahl. Entscheidend sind nun die
Ergebnisse der Untersuchung. Sind sie belastend, setzt das auch die Union unter
Druck.
Wie gefährdet ist Mehdorn?
Mehdorn selbst hat die Sprengkraft der Datenaffäre lange
unterschätzt, ebenso wie die Zahl der Feinde, die er sich in den vergangenen
Jahren geschaffen hat, bis hinauf zu Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD).
Gleichzeitig schrumpft der Rückhalt für Mehdorn. Denn einen Börsengang der Bahn
wird der 66-jährige Manager kaum noch erreichen können. Schon viele Affären und
Intrigen hat Mehdorn überlebt. Aber keine währte so lange, keine entfaltete
solche Dynamik wie die Datenaffäre.