Max Edelbacher beschreibt in „Polizei inside“, was sich hinter den Kulissen der Polizei abspielt. Ein Insider-Report.
Der Untertitel des kürzlich erschienenen Buches lautet: Was läuft falsch? Man muss kein Exekutivangehöriger sein um zu erkennen, wie es gemeint ist. Im Polizeiapparat ist seit geraumer Zeit der Wurm drin.
Abgesehen davon berichteten alle Medien, wie letztendlich mit der weit über Wiens und Österreichs Grenzen hinaus bekannten Kiberer-Legende umgesprungen wurde.
Ist dieses Werk nun ein Rachefeldzug?
„Rache ist es nicht“, sagt Edelbacher, „der Auslöser ist der Anlass, dass man heuer 150 Jahre Wiener Sicherheitsbüro hätte feiern können.“
Zuerst wollte „Edelmax“ das Buch zusammen mit dem Leiter des Wiener Kriminalmuseums, Harald Seyrl, schreiben, doch dieser winkte ab. Eine weitere Absage erhielt Edelbacher von einem Verlag, bei dem er bereits mehrere Fachbücher publiziert hat, weil es nicht in dessen Programm gepasst hätte. Amalthea fand schließlich Gefallen an dem Projekt. Der Auftrag an Edelbacher: „Kombinieren Sie Ihre Lebensgeschichte mit ein bisschen Polizeikritik.“
24 ausgewählte Fälle
Herausgekommen ist ein Buch, das sich in zwei Teile gliedert. Der ehemalige Vorstand des alten Sicherheitsbüros beschreibt, neben seinem persönlichen Werdegang, zuerst spektakuläre und aufsehenerregende Fälle aus seiner Ära. Von der Neuauflage des Mordfalls Ilona Faber über die Lainzer Mordschwestern bis zu Pumpgun-Ronny und Natascha Kampusch. Insgesamt 24 ausgewählte Fälle, die ihn, wie Edelbacher selbst sagt, tief berührten.
Der zweite Part beginnt mit einem historisch-detaillierten Rückblick der österreichischen Polizeigeschichte. Erst im letzten Drittel des zweiten Teils geht es richtig ans Eingemachte. Also doch Rachegefühle? Schließlich wurden Edelbachers Kritikpunkte, seinerzeit zusammengefasst in einem Papier mit dem Titel „Management by Chaos“ vom damaligen Innenminister Strasser gar nicht goutiert. Bekanntlich wurde Edelbacher in die „Verbannung“ nach Favoriten geschickt.
Ein bisschen Rache
„…Insofern mag es ein bisschen stimmen“, gibt Edelbacher zu, „ist es ein bisschen Rache. Es ist eine Zusammenfassung dessen, was ich erlebte habe. Ich habe es nochmals genau ausgearbeitet, weil von 21 Punkten (aus dem Papier „Management by Chaos“; Anm. d. A.) sind, meiner Meinung nach, 17 nicht erfüllt worden. Das ist ein sehr schlechtes Zeugnis…“
Während einer Konferenz in Washington hatte er Gelegenheit mit Prof. David Bailey, einem international anerkannten Experten, darüber zu sprechen. Edelbacher bekam größtenteils Recht. Ursprünglich wollte Edelbacher gar nicht in die Staaten.
„…Ich hatte der SPÖ vorgeschlagen, ladet nicht mich ein, sondern eine internationale Kommission an Sachverständigen, die diese Polizeireform überprüfen soll…“
Doch man schaltete auf stur.
Kripo in Not
„Den Schimanski und mich“, so Edelbacher weiter, „haben sie rausgeschmissen. Dann wollten wir einen neuerlichen Anlauf starten, indem wir ,Kripo in Not' zu gründen beabsichtigten, mit Professoren von der Universität Wien. Auch gescheitert. Insofern ist schon etwas Frust im zweiten Teil dieses Buches, aber ich versuchte es sachlich auf dem Programm dieses David Bailey aufzubauen… Quintessenz: menschenverachtendes Umgehen. Das hat Strasser gemacht und ich glaube, dass kann man auch nicht bestreiten…“
Max Edelbacher bestätigt, dass sein „Management by Chaos“-Papier der Anfang vom Ende seiner persönlichen, weiteren Karriere war. In den Augen der damaligen, neuen Machthaber waren er und viele seiner alt gedienten, bewährten und erfolgreichen Kollegen nicht „mehr flexibel genug. Für die Reformer waren wir eher Hemmschuhe wie die Wackelsteine im Waldviertel. So sind wir denen im Weg gestanden. Daher wollte man junge, dynamische Leute haben. Teilweise haben sie die auch gefunden. Einerseits waren in der (damaligen) Gendarmerie junge Kräfte vorhanden. Dann natürlich Roland Horngacher. Der war ja ärger als Strasser. Konsequenter in der Umsetzung. Und billiger sind sie (junge Kräfte; Anm. d. A.) auch. Ein alter Hofrat um die sechzig Jahre kostet ein Schweinegeld. Die (Reformer; Anm. d. A.) haben das auch später gebüßt. Ich habe gegen die Absetzung berufen und mit mir siebzig andere. Und sie (die Reformer) haben fast alle Prozesse verloren. Keiner hat uns gesagt, dass wir blöd oder faul sind. Wir wurden einfach abgeschossen. Die Berufungsbehörde hat uns eigentlich in allen – von den über 74 Prozessen – Recht gegeben…“
Polizeiskandale
Es dauerte nicht lange und die Rechnung wurde den Reformern und all jenen, die sie mitgetragen haben, präsentiert. Stichwort: Polizeiskandale in den letzten Jahren.
„Das hätte auch niemand erwartet“, sagt Edelbacher, „dass es so eklatant ausbricht. Das erwarteten wir nicht einmal in unseren kühnsten Racheträumen, dass sie sich gegenseitig so die Schädel einschlagen. Mit dem war wirklich nicht zu rechnen, dass sich solche Machtkämpfe abspielen. Natürlich waren die Rahmenbedingungen durch die Teilung von Behörde und Exekutive auch ausschlaggebend. Darüber hinaus die konsequente Umsetzung des Gendarmeriemodells mit dem ganz Österreich überzogen wurde, was nicht überall funktionieren kann. Dadurch hat sich diese Entwicklung so dramatisch in die Höhe geschraubt. Dann auch noch mit labilen Persönlichkeiten wie Horngacher und anderen… Diese Machtkämpfe haben sich dann total zugespitzt.“
Das Kind mit dem Bade...
Was wären nun die dringlichsten Maßnahmen, um diesen verfahrenen Karren wieder auf den richtigen Weg zu bringen?
„Personelle und sachliche Maßnahmen… Man hat ja viel Knowhow. Man hat auf allen Ebenen, vom älteren Polizisten auf der Straße, in den Wachzimmern – jetzt Polizeiinspektionen – bis zum g'standenen Kiberer kräftigst umgerührt. Das Kind ist mit dem Bade ausgeschüttet worden.“
Möglich, dass dieses „Badewasser“, verpackt in einer „Wanne“ zwischen zwei Buchdeckeln, manchem nicht in den Kram passt. Auf alle Fälle ist es ein spannendes Buch, das innerhalb der Exekutive für Diskussionen sorgen wird und wartet auch mit Lösungsvorschlägen der anstehenden Probleme auf. Ob sie auch berücksichtigt und beherzigt werden, steht auf einem anderen Blatt.
Für den Außenstehenden ist es ein Werk, das tiefe Einblicke in die Arbeit der Polizei in der Vergangenheit und Gegenwart gibt. Schließlich ist Kriminalität ein wesentlicher Faktor unserer Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Ein Buch, das aber auch den Bürgern aufzeigt, wie schwierig, abgesehen von der Gefährdung, der Beruf des Polizisten und des Kriminalbeamten ist.
Günther Zäuner
Max Edelbacher, Polizei inside. Was läuft falsch? Analyse und die spektakulärsten Kriminalfälle, Wien 2008, erschienen bei Amalthea, ISBN 978-3-85002-639-0, 220 Seiten, Euro 22,90.
Kripo Online, 10-11/2008, URL: http://www.kripo-online.at/krb/show_art.asp?id=1277