
„Die Firmen sind noch sehr blauäugig“
Hamburg mit seiner Wirtschaftskraft und weitreichenden internationalen Kontakten ist besonders gefährdet. Auch gibt es viele Konsulate in der Stadt, wo immer auch der Geheimdienst des jeweiligen Landes vertreten ist. „Der chinesische Geheimdienst hat nach unseren Erkenntnissen seine Aktivitäten verstärkt“, sagt Berner. Sie erklärt das mit dem derzeitigen Entwicklungsprogramm Chinas, dem Fünfjahrplan, der noch bis 2010 läuft. „China will seine Innovationskraft auch durch die Aneignung westlichen Knowhows verbessern.“ Dass dies nicht nur einzelne Geschäftsreisende betrifft, zeigen die jüngst aus China geführten Angriffe auf Computersysteme selbst bei Bundesbehörden. Berner nennt noch andere Methoden der Spionage: Die Gastdelegation aus China, aus der sich ein Mitglied entfernt, das später im Dach einer Werkhalle gefunden wird, wo es von oben alles fotografiert. Der chinesische Praktikant, der gern auch noch nach Feierabend arbeitet und dann fleißig kopiert. Der neue Kollege aus China, bei dem alles punktgenau auf die deutsche Stellenausschreibung passt - ohne dass sich die Betriebe, die einen Fachmann suchen, fragen, ob ein so junger Mann schon so viel Berufs- und Lebenserfahrung gesammelt haben kann. „Die Firmen werden zwar langsam hellhörig, sind aber noch sehr blauäugig“, meint Berner. Neben China ist Russland berüchtigt für seine oft brutalen Methoden in der Wirtschaftsspionage. Der Geheimdienst durchsucht nicht nur Hotelzimmer und überwacht sämtliche Telefongespräche und Internetverbindungen - er besitzt selbst einige der international besuchten Hotels. Der russische Geheimdienst hat einen klaren Auftrag. Im Artikel 5 des Gesetzes über die Auslandsaufklärung ist die Rede von der „Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und des wissenschaftlich-technischen Fortschritts des Landes durch Beschaffung von wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Informationen durch die Organe der Auslandsaufklärung“. So passierte es einem Hamburger Geschäftsmann, dass er mit einem vermeintlichen russischen Kollegen an die Bar ging - und sich am nächsten Morgen ohne Erinnerung auf der Straße wiederfand.
Schutz des geistigen Eigentums wird zu lasch gehandhabt
Auch Iran betreibt intensiv Wirtschaftsspionage, wenn auch aus anderen Gründen. Das Land versucht, sich Massenvernichtungswaffen und dazugehörige Trägertechnologie zu beschaffen. Über Umwege beschafft es sich die nötigen Zulieferungen. „Deutsche Unternehmer müssen wissen, dass sie sich unter anderem nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz auch dann strafbar machen, wenn sie ihre Produkte etwa nach Saudi-Arabien liefern, sie von dort aber doch nach Iran gelangen“, sagt Berner. Der Hamburger Verfassungsschutz tritt nicht nur in Aktion, wenn etwas passiert ist. Er berät die Unternehmen und informiert auf öffentlichen Veranstaltungen darüber, wie die Wirtschaft sich vor Spionage schützen kann. „Aus meiner Sicht kann man nur etwas bewirken, wenn man offensiv damit umgeht und die Firmen offensiv berät, auch mit anonymisierten Fallspielen“, sagt Berner. Selbst global tätigen Unternehmen fehle oft ein Sicherheitskonzept. Zwar kümmere man sich um die Sicherheit der Computer, aber schon der Schutz des geistigen Eigentums werde nicht so ernst genommen. Der Verfassungsschutz gibt Einschätzungen und Empfehlungen. Informationen behandelt er vertraulich. „In jedem Fall müssen die Sicherheitsbelange Chefsache sein. Wir sprechen immer mit der Führung eines Unternehmens.“ Berners Tipps sind mitunter einfach: den Laptop nicht mit Informationen vollladen, sondern lieber einen möglichst verschlüsselten USB-Stick benutzen und bei sich tragen. In der Öffentlichkeit nicht über Firmeninterna reden. Sich vor Antritt einer Geschäftsreise über die Gepflogenheiten des Gastlandes informieren, um keine Gelegenheit zur Erpressung zu geben (etwa bei Visa-Angelegenheiten).
Papierunterlagen statt Laptop und Handy
Die Unternehmen sollten zudem Geheimhaltungsvereinbarungen mit ihren Mitarbeitern abschließen und Zugangsbeschränkung erteilen. „Das Sicherheitskonzept einer Firma“, sagt Berner, „darf nicht nur das Personal betreffen, auch die Technik gehört dazu, die Organisation und rechtliche Fragen, etwa der Patentschutz oder Geheimhaltungsvereinbarungen in Arbeitsverträgen.“ Die Firmen müssten für sich festlegen, was ihnen schützenswert erscheint. „Schützenswert ist immer das, was der Firma einen Wettbewerbsvorteil sichert. Das muss keineswegs nur ein Produkt sein, sondern auch eine Idee oder eine Dienstleistung.“ Zwanzig bis dreißig Beratungsgespräche führt der Verfassungsschutz Hamburg jeden Monat mit Unternehmen aus der Stadt. Dazu gehören auch die Hotels, denn die werden gern als Treffs der ausländischen Geheimdienste genutzt. „Der Beratungsbedarf ist sprunghaft angestiegen, seitdem sich herumgesprochen hat, dass der Verfassungsschutz helfen kann.“ Gerade war Berner bei einem Mittelständler, der Medizinprodukte herstellt und auch in China fertigen lässt. „Das Unternehmen handelt - seit seine Produkte als chinesische Nachahmung auf dem chinesischen Markt auftauchten - sehr vorsichtig. Die Mitarbeiter reisen ohne Laptop und Handy nach China und führen nur Papierunterlagen mit. Das Unternehmen hat sich entschieden, in China nur noch Massenware produzieren zu lassen und die Innovationen in Deutschland herzustellen.“
FAZ, 10.9.2008, URL zum Artikel: http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E4816CA3D291049369EA4F