An der Grenze zur Prostitution
Sie nennen sich selbst "Ermittlungsagenturen": In Japan boomen Spezialfirmen, die generalstabsmäßig und mit Geheimdienstmethoden Beziehungen manipulieren. Mit Hilfe von professionellen Verführerinnen und Verführern, die an der Grenze zur Prostitution arbeiten, sollen Scheidungen herbeigeführt, aber auch zerbrochene Beziehungen wieder gekittet werden. Die Auftraggeber zahlen dafür bis zu 15.000 Euro pro Monat. Wichtigste Vorgabe: Die "Zielpersonen" sollen nie etwas von den zwielichtigen Machenschaften mitbekommen.
Fürs professionelle Lösen von Beziehungsproblemen berappt man bis zu 15.000 Euro monatlich.
In Japan machen Spezialagenturen Furore, die professionelle "Beziehungsmanipulationen" einfädeln. Sie nennen sich "Ermittlungsagenturen", arbeiten mit generalstabsmäßig ausgeheckten Plänen und modernster Technologie, und ihre "Agenten" arbeiten (agieren) ohne moralische Skrupel an der Grenze zur Prostitution.
Ihre Aufträge: Scheidungen herbeiführen, Liebschaften zersprengen, aber auch Beziehungen kitten und zerbrochene Ehen wieder geradebiegen - und all das so, dass die "Zielperson" nichts davon mitbekommt.
Tausende Aufträge pro Jahr
Zu den größten dieser Agenturen gehören die Global Network Corporation (GNC) und ACYours. Jetzt hat die britische Autorin und Journalistin Lesley Downer, die mit Büchern über die Geisha-Kultur bekanntwurde, Einblick in die Arbeitsweisen der um Diskretion bemühten Unternehmen erhalten. GNC gibt es seit 16 Jahren; die Agentur hat inzwischen Niederlassungen in ganz Japan und erledigt 2.000 Aufträge pro Jahr. Das reicht von der schon fast klischeehaft klassischen Aufgabe einer Detektei - dem Ausforschen von Seitensprüngen - bis zu Fällen von Stalking und häuslicher Gewalt. Beim Konkurrenten ACYours behandelt man sogar 6.000 Fälle pro Jahr. Vor ACYours habe es nur Firmen gegeben, die Seitensprüngen und Affären nachgingen, aber keine, die "Probleme lösen", sagt ihr Gründer.
Scheidung nach Plan
In einer Reportage in der Londoner "Times" erzählt Downer die herzzerreißende Geschichte von "Herrn A." und seiner Frau. Er ist 40, Vertreter, hat einen Hang zu häuslicher Gewalt. Seine Frau hat insgeheim eine Affäre mit ihrem besten Freund und will die Scheidung - doch Herr A. ist dagegen. Frau A. nimmt daher für rund 3.000 Euro im Monat plus Spesen die Dienste von GNC in Anspruch.
Nach zwei Treffen im LiebeshotelDie Agentur fädelt eine "Zufallsbegegnung" ein: Die 20-jährige Kyoko stolpert auf der Straße über Herrn A.; als sie einander wenig später an anderer Stelle ein zweites Mal über den Weg laufen, tauschen sie Handynummern aus. Schon beim nächsten Treffen mieten sich A. und Kyoko in einem der berüchtigten Tokioter "Liebeshotels" ein. In Wahrheit ist die junge Japanerin eine professionelle Verführerin; das Paar ist ständig unter geheimer Beobachtung von einem GNC-Team, alle Aktivitäten werden dokumentiert. Stets befindet sich ein Bodyguard in der Nähe, der im Fall von Zwischenfällen eingreifen kann. Die GNC-"Agentin" ist außerdem mit GPS-Sendern ausgestattet, falls ihre Kollegen einmal ihre Spur verlieren.
Plan B
Das Ziel dieser bis ins Detail geplanten und auf mehrere Monate angelegten Affäre: Durch die junge, ganz auf seinen Geschmack zugeschnittene Liebhaberin soll A. von sich selbst aus eine Scheidung von seiner Frau vorschlagen. Kurz darauf wird Kyoko in kleinen Schritten aus seinem Leben verschwinden. Dass es sich um eine einzige große Manipulation gehandelt hat, soll das Opfer nie merken. Geht dieser Plan nicht auf, gibt es immer noch eine Alternative: Frau A. kann mit dem gesammelten Film- und Fotomaterial ganz leicht die Affäre ihres Mannes nachweisen und die Scheidung durchsetzen.
"Erstklassige Agentin"
Für GNC-Gründer Toumiya Makoto ist Kyoko "eine erstklassige Agentin". Das Wichtigste sei allerdings nicht das Aussehen, sagte er der "Times", sondern "sprachliches Geschick". Die 20-Jährige verdient laut Downer 2.500 bis 3.000 Euro im Monat und Bonusse für erfolgreich gelöste Fälle. "Es macht Spaß. Ich sehe die Unterseite des Lebens, und die Bezahlung ist sehr gut", sagte sie. "Ich treffe täglich verschiedenste Zielpersonen. Die alten gefallen mir nicht so, und manchmal habe ich die jungen sehr gerne. Ich schlafe mit allen." Mit Prostitution habe der ungewöhnliche Beruf nichts zu tun, so Toumiya - schließlich finde keine Geldtransaktion mit einem Freier statt.
Neuer Anlauf für alte LiebeNatürlich beschäftigen die Agenturen auch professionelle männliche Verführer. Zu den typischen Fällen gehört die professionelle Verkupplung von Paaren, die bereits einmal zusammen waren, aber wieder getrennt sind, weil sich ein Partner nicht zu stark verpflichten wollte. Hier werden beispielsweise erfolglose "Affären" eingefädelt, die dem oder der Unwilligen vor Augen führen sollen, dass die alte Beziehung die bessere war. Getrennte Paare wieder zusammenzubringen ist laut ACYours die komplexeste Aufgabe. Die Agentur verlangt dafür 15.000 Euro monatlich, die Herbeiführung von Trennungen kostet nur 9.000 Euro.
Immer mehr ScheidungenEin Hintergrund für den Boom der Beziehungsagenturen ist die ständig steigende Scheidungsrate in Japan. Die Zahl der Scheidungen liegt zwar unter jener der meisten westlichen Länder, doch der Trend ist klar: Heute lassen sich dreimal so viele Paare, die mehr als 20 Jahre verheiratet waren, scheiden als noch in den 70ern. Experten rechnen damit, dass in Zukunft noch mehr Ehepaare getrennte Wege gehen - auch weil eine Gesetzesänderung den Frauen nach einer Scheidung einen Teil der Pension des Ehemannes zusichert.
Links: ACYours, Lesley Downer, "Times"-Artikel
ORF, 6.9.08, URL: http://www.orf.at/080904-29150/index.html