Eine Überwachungskamera über der Tür, ein Verhörtisch in der Ecke und ein IM-Ausweis für Stammgäste: In Berlin hat eine Kneipe aufgemacht, die ganz auf das Motto Stasi setzt - in unmittelbarer Nähe der früheren DDR-Unterdrückerzentrale. Satire, sagen die beiden Wirte. Aber nicht alle finden das komisch.
Berlin - "Erlebnisgastronomie" nennt Willi Gau sein Lokal. An den Wänden hängen FDJ-Hemd und Porzellanteller mit Stasi-Logo, über dem Eingang eine Kamera-Attrappe. Eine Schaufensterpuppe neben der Tür trägt die Uniform der DDR-Bereitschaftspolizei, Schlagstock und Schutzschild inklusive. Schwarz-rot-goldene Schilder werben mit ostdeutscher Küche und dem Slogan: "Kommen Sie zu uns, sonst kommen wir zu Ihnen!"
"Zur Firma" heißt der Laden im Berliner Stadtteil Lichtenberg, der den SED-Überwachungs- und Unterdrückungsapparat der Staatssicherheit zum Motto erkoren hat. Untertitel: "Der konspirative Treff". Die Luft ist am Samstagmittag bereits alkoholgeschwängert, drei Männer hocken schweigend am Tresen, vor ihnen große Biergläser. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit hofft der 60-jährige Gau hier gemeinsam mit seinem Kompagnon Wolle Schmelz auf eine neue Existenz. "Wenn Sie in Berlin eine Kneipe aufmachen, müssen Sie sich schon was einfallen lassen", sagt Gau. Die Idee mit der Stasi kam ihm sofort, als Kumpel Wolle von dem leeren Laden in der Normannenstraße erzählte. "Stasi und Normannenstraße, das ist für uns Ossis eine Einheit." Nur wenige Meter entfernt liegt das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit.
Deckname "Gast"
Früher war das Lokal an genau dieser Stelle mal ein übler Neonazi-Treffpunkt, der bekannteste und berüchtigste in ganz Berlin. "Café Germania" nannte sich die Kneipe. Skinheads, Kameradschaften und Größen des Milieus kamen zum Stammtisch, zum Bier gab es deutsche Speisen. Anwohner und linke Szene protestierten beharrlich. Als der Betreiber auch noch die Pacht schuldig blieb, kam Ende 1998 nach nur einem Jahr das Aus.
Zehn Jahre später weht in der kleine Pinte nun also erneut der Wind der deutschen Geschichte. "Täterakte, handgeschreddert", steht unter einem Plastikbeutel mit Papierschnipseln, im Regal ist neben Tonbandgeräten und dem vertraulichen Handbuch für Kriminalisten des DDR-Innenministeriums auch die Urne von E.H. zu bestaunen, eine "Dauerleihgabe von M.H. aus C.". An der Wand steht ein Verhörtisch, darauf eine Schreibmaschine aus DDR-Fabrikation. Auf der sind auch die stilecht gebundenen Speisekarten geschrieben: Wer die rote Urkundenmappe "Medaille für den Kämpfer gegen den Faschismus" aufklappt, liest das Tonbandprotokoll des "IM Küchenchef". Es gibt Soljanka mit Sauerrahm für 2,80 Euro oder hausgemachte Sülze mit Bratkartoffeln für 5,70 Euro. Die DDR- und Stasi-Devotionalien haben die Wirte im Bekanntenkreis gesammelt oder bei Ebay ersteigert. Auch Gäste bringen gern mal was mit. Wer häufiger kommt, kann eine Verpflichtungserklärung unterschreiben und bekommt einen IM-Ausweis, Deckname "Gast". Mit dem Pappkärtchen gibt es zehn Prozent Rabatt.
Satire oder Geschmacklosigkeit?
"Wir setzen uns satirisch-ernst mit dem Thema Stasi auseinander", behauptet Gau. Am Hemd trägt er eine Ehrennadel für 30-jährige Stasi-Tätigkeit, in Wirklichkeit habe er aber nie für Erich Mielkes Spitzeltruppe gearbeitet. Gau ist in Mecklenburg aufgewachsen. Nach eigenen Worten war er 30 Jahre SED-Mitglied - eingetreten sei er, weil er seine Studienchancen zu verbessern hoffte. 1989 habe die Partei ihn nach einigen weniger linientreuen Äußerungen rausgeworfen. Ob es eine Akte über ihn gebe? "Keine Ahnung, will ich gar nicht wissen", sagt Gau. Gaus Geschäftspartner Schmelz dagegen hat sich schlau gemacht: Offenbar hatte die Stasi den gebürtigen Bremer einst im Visier, als er sich auf Montage in Leipzig in eine junge DDR-Bürgerin verliebte. "Es gibt eine Akte", sagt Schmelz. Lesen will er sie aber nicht. "Damals fand ich das alles schlimm, heute lache ich darüber." Die große Mehrheit der Spitzelopfer dürfte die Stasi-Ostalgie allerdings weniger lustig finden. Über Jahrzehnte spionierte die Geheimpolizei mit ihren rund 90.000 hauptamtlichen und weit mehr als 100.000 "inoffiziellen" Mitarbeitern die Bürger aus. Das "Schild und Schwert der Partei", wie die Stasi im DDR-Jargon hieß, drangsalierte und terrorisierte Oppositionelle und Kritiker des SED-Regimes. Dutzende Kilometer Überwachungsprotokolle, rund 18 Millionen Karteikarten sowie Hunderttausende Fotos, Videos und Tonbänder lagern heute in der Normannenstraße in den Archiven der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler.
Beleidigung der Opfer
"Diese Kneipenidee ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten", empörte sich Birthler in der "Leipziger Volkszeitung". Den vielen Menschen, die sich in ihrem Archiv über die menschenfeindlichen Praktiken des MfS informiert hätten "wird das Bier in dieser Kneipe bestimmt nicht schmecken". Peter Alexander Hussock, Chef der Opferorganisation help sagte der "Bild"-Zeitung: "Viele Menschen zittern heute noch, wenn sie an die Stasi denken, leiden unter Schlafstörungen und körperlichen Schäden." Zu ernst sei das Thema, um daraus einen Witz zu machen. Auch der Vizedirektor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Siegfried Reiprich, sprach von einer "Beleidigung für die Opfer" und einer Desinformation der jungen Generation. Erst vor wenigen Wochen war eine neue Umfrage bekannt geworden, die ein erschreckendes Unwissen deutscher Schüler über die DDR-Vergangenheit offenbarte. Berlins CDU-Generalsekretär Frank Henkel kritisierte in der "Welt", dass eine "verbrecherische Diktatur zur Popkultur und Erlebnisgastronomie" verklärt werde. Es werde bewusst auf Provokation gesetzt, um Kasse zu machen.
Dass die Kasse in der Kneipe klingelt, darf angesichts des eher tristen Ambientes und Umfeldes eher bezweifelt werden. Den Wirbel um ihren Laden allerdings haben die Wirte sehr wohl einkalkuliert. "Natürlich provozieren wir", sagt Gau. "Aber wir wollen niemanden herabwürdigen oder etwas verherrlichen." Es stehe außer Frage, dass die Stasi "Schlimmes gemacht und übertrieben" habe. Aber 20 Jahre nach der Wende solle man die "Stasi-Keule" wegpacken und das Thema den Historikern überlassen. Und überhaupt: "Wir leben doch in Deutschland längst wieder in einem Überwachungsstaat, und wenn das so weitergeht, haben wir bald wieder Stasi-Zustände."
Die Reaktionen der Gäste seien überwiegend positiv, sagt das Gastronomenduo. Es habe auch schon kritische Stimmen gegeben, aber die meisten hätten das Motto "akzeptiert". Oder wie es ein Anwohner, Mitte 40, unweit der "Firma" ganz pragmatisch ausdrückt: "Hauptsache, es gibt was zu saufen."
SPIEGEL ONLINE, 04. August 2008, 06:17 Uhr, von Philipp Wittrock
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