Chinesische Diplomaten in Bern und Hacker in der Volksrepublik haben es auf Schweizer Know-how abgesehen
Kommunistische Bedrohungsszenarien sind Vergangenheit, doch für die westlichen Geheimdienste ist China nach wie vor ein Thema: Emsig sammelt das Land Daten von Wirtschaft und Forschung – auf legalem und illegalem Weg. So dreist kann man Wirtschaftsspionage betreiben: Der Spion ruft das Unternehmen X an, gibt sich als Kunde oder Lieferant von X aus und verlangt «dringend» ein Dokument. Bald darauf folgt bei X die ernüchternde Erkenntnis: Der Herr am Apparat war nicht der Kunde, für den man ihn hielt – und dem man eben vertrauliche Daten gefaxt hat.
Genauso hat es sich schon zugetragen, erklärt Nicolas Mayencourt, Geschäftsführer von Dreamlab, einem Berner Beratungsunternehmen für Informationssicherheit. Auch der Dienst für Analyse und Prävention, der zivile Schweizer Nachrichtendienst, listet den Trick in einer Broschüre, die Unternehmen vor Spionage warnen soll, ganz oben auf. Wie delikat die Angelegenheit ist, zeigt schon die vertrauliche Behandlung dieser Broschüre: Sie wird nur persönlich an Unternehmen abgegeben. Wer genau solche Datenklaumethoden anwendet, ist unklar, doch China steht weit oben auf der Liste der Verdächtigen: Im «Bericht Innere Sicherheit» 2005 schrieb das Bundesamt für Polizei (Fedpol), dass die Nachrichtendienste «eines asiatischen Staates» immer aktiver würden – und «unter dem Schutz diplomatischer Immunität» agierten. Gleichzeitig habe dieser Staat sein diplomatisches Personal markant erhöht.
Um «Gefälligkeiten» bitten
Auf Anfrage wollte weder das Fedpol noch das Eidgenössische Amt für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigen, dass es sich dabei um China handelt. Doch ein Blick auf die Listen des diplomatischen Personals der Botschaften in der Schweiz macht den Fall klar: Mit zurzeit 38 Diplomaten stellt die Volksrepublik China in Bern die grösste Delegation überhaupt. Im «Bericht Innere Sicherheit» 2007 wird unter anderem ein Fall beschrieben, bei dem ein Schweizer Unternehmer von einem Diplomaten «hartnäckig» zu einem Joint-Venture mit einem Unternehmen im Heimatland bewegt werden sollte. Zuvor hatte sich der Diplomat darum bemüht, mit dem Unternehmer «auf privater Basis freundschaftliche Bande zu knüpfen». Das Ziel sei auch hier die «Aneignung von Know-how» gewesen, schreibt das Fedpol. Dieses Vorgehen wird auch in den Berichten des deutschen Verfassungsschutzes beschrieben, der die Akteure beim Namen nennt: «China nutzt zur Informationsbeschaffung seine diplomatischen Vertretungen.» (...)
Jeder «in der Schuld der Partei»
Die Geheimdienstvertreter können sich auf ein Netz aus chinesischen Studenten, Praktikanten und Wissenschaftlern stützen, die im Westen arbeiten. Ein dissidenter chinesischer Diplomat, der in Australien untergetaucht ist, machte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» vor zwei Jahren eine vielbeachtete Aussage: «Jeder Student, jeder Geschäftsmann, der ins Ausland gelassen wird, steht in der Schuld der Partei. Er revanchiert sich als Spitzel, als Denunziant.» (Die chinesischen Geheimdienste beobachten auch hierzulande Tibet-Aktivisten und Anhänger der Falun-Gong-Bewegung.) Doch um an Produktions- oder Baupläne zu gelangen, müssen die Spione nicht mehr unbedingt das Land verlassen: Praktisch jedes Dokument ist heute über ein Firmennetzwerk mit dem Internet verbunden – und das machen sich Hacker seit einigen Jahren vermehrt zunutze. Das geschieht oft mittels sogenannter Trojaner, also mit Programmen, die gemäss dem Prinzip des Trojanischen Pferdes in ein gesichertes Netzwerk eingeschleust werden und von dort aus Daten nach aussen senden können.
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Betroffene Firmen schweigen
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Der Bund, Adrian sulc, 4.8.2008
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