Seit Jahrtausenden werden Giftstoffe als Mordwaffe verwendet - vor allem von Frauen. Eine Geschichte des Giftmords.
Wollte dir was Wichtiges sagen!“, stand auf der Grußkarte, die der Packung „Mon Chéri“ beigefügt war. Und auf der Innenseite der Karte stand: „Du bist für mich etwas ganz Besonderes.“ Die Karte und die Pralinenschachtel fand der Bürgermeister von Spitz an der Donau, Rechtsanwalt Dr. Hannes Hirtzberger, am 8. Februar 2008 auf seinem Mercedes. Einen Tag später aß der Wachauer Lokalpolitiker aus der „Mon Chéri“-Schachtel. Kurze Zeit später krampfte sich sein Körper zusammen. Hirtzberger gelang es noch, zum Haus eines Bekannten zu fahren und um Hilfe zu rufen. Dann wurde er bewusstlos. Der Bürgermeister wurde mit dem Hubschrauber in das Krankenhaus geflogen. Auf der Intensivstation wird er seitdem im künstlichen Tiefschlaf gehalten. Sein Zustand ist lebensbedrohend. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Pralinen mit Strychnin vergiftet wurden. Auf Hinweise, die zur Ausforschung des Täters führen, wurde eine Belohnung von 20.000 Euro ausgesetzt.
Die „schwarze Witwe“
Die Wachau war bereits 1995 Schauplatz eines Aufsehen erregenden Giftanschlags. „Suche einsamen Mann, der sich nach einer häuslichen Witwe, 62/166 sehnt“. Über dieses Zeitungsinserat lernte die Wienerin Elfriede Blauensteiner im Oktober 1995 den 75-jährigen Alois P. in der Wachau kennen. Schon wenige Tage nach dem ersten Treffen stahl Blauensteiner dem Pensionisten ein Sparbuch und ließ von ihrem Anwalt einen Schenkungsvertrag entwerfen, mit dem der Grundbesitz des wohlhabenden Wachauers übertragen werden sollte. Der Mann weigerte sich aber, den Vertrag zu unterzeichnen. Blauensteiner verabreichte daraufhin ihrem neuen Gefährten das Blutzucker senkende Medikament Euglucon, aufgelöst in warmer Milch. Das Opfer brach zusammen und kam ins Krankenhaus. Einige Tage später, nach einer neuerlichen Euglucon-„Behandlung“, wurde der Pensionist bewusstlos, erst Stunden später kam der Arzt. Während der Niederösterreicher im Krankenhaus lag, durchsuchte Blauensteiner das Anwesen. Sie fand ein Testament, das sie verbrannte. Ihr Anwalt setzte ein neues Dokument auf, das sie als Begünstigte vorsah. Eine Freundin Blauensteiners und ein Bekannter des Anwalts traten als „Testamentszeugen“ auf. Als Alois P. ihr die Losungswörter für zwei Sparbücher verriet, plünderte sie die Konten.
Am 20. November 1995 lag der Pensionist nach einem Cocktail aus Euglucon und dem Antidepressivum Anafranil stöhnend im Bett. Blauensteiner drehte die Heizung ab und öffnete die Fenster. Am nächsten Tag war der Mann tot. Auf der Todesanzeige ließ die „trauernde Witwe“ drucken: „Wenn die Kraft zu Ende geht, ist Erlösung Gnade.“ Ein Wahlneffe des Verstorbenen schöpfte Verdacht und wandte sich an die Polizei.
„Es sind keine Sparbücher da. Ich weiß nicht, wo er sie vergraben hat. Der Schweinehund erlaubt sich zu krepieren, und ich soll dann stierln. Ich werd´ sie schon finden. Im Februar könnte es mit der Erbschaft was werden“, verriet Blauensteiner am Telefon einer Freundin, wie aus dem Gerichtsakt zu lesen ist. Nach dem Tod von Alois P. suchte sie ein weiteres Opfer und inserierte neuerlich in der Zeitung.
Am 11. Jänner 1996 wurde Elfriede Blauensteiner verhaftet. Sie gestand, fünf Menschen „zu Tode gepflegt“ zu haben. Einem weiteren Mann war sie „behilflich“, als der sich umbringen wollte. Das Gerichtsverfahren im Frühjahr 1997 im Landesgericht Krems war einer der spektakulärsten Giftmordprozesse der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Elfriede Blauensteiner, von prominenten Anwälten verteidigt, trat beim Prozess medienwirksam auf – unter anderem zückte sie ein Kruzifix, das sie den Journalisten und Fotografen entgegenhielt: „Die Schlechtigkeit ist nicht in mir selbst, sondern ausschließlich um mich herum. Wenn unter euch ein Vampir ist, so fällt er jetzt auf ein Häuferl Asche zusammen.“ Im Gerichtsverfahren bescheinigte ihr der Gerichtspsychiater einen enormen Geltungsdrang und ein starkes Bedürfnis, Macht auszuüben.
Die „schwarze Witwe“, wie Blauensteiner in Medien bezeichnet wurde, erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Sie starb am 15. November 2003 im Krankenhaus Neunkirchen an den Folgen eines Gehirntumors. Ihr Fall wurde verfilmt, mit Christiane Hörbiger in der Hauptrolle. Die „schwarze Witwe“, eine giftige schwarze Spinne mit einem roten Fleck auf dem Bauch, lockt ihren Partner an, lässt sich begatten und spritzt ihm anschließend Gift in den Körper, um ihn auszusaugen.
Seltenes Delikt
Giftmorde werden in Österreich sehr selten verübt. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden nur wenige Anschläge mit Gift bekannt. Im November 1987 vergiftete eine aus einer wohlhabenden steirischen Familie stammende Schauspielerin ihre siebenjährige Tochter und unternahm einen Selbstmordversuch. Die Täterin wurde nicht verurteilt. Ein psychiatrisches Gutachten bestätigte, dass sie zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Die zuletzt arbeitslose Schauspielerin wurde Anfang November 2006 in ihrer Grazer Wohnung tot aufgefunden.
Ende der 90er-Jahre versuchte eine ältere Bäuerin in der Steiermark, ihren Mann mit ins Essen gemischten, zerriebenen Diabetes-Tabletten ins Jenseits zu befördern – insgesamt fünfmal. Die zuckerkranke Frau hatte die Medikamente gehortet. Der Bauer überlebte. Die Täterin stand im Jahr 2000 wegen Mordversuchs vor einem Geschworenengericht am Landesgericht Graz. Ein Gutachter attestierte ihr ein „gesamtheitliches Wahnsystem“; die Angeklagte galt als nicht schuldfähig.
Wegen bedingten Mordes mit Strychnin wurde im Jahr 2003 im Oberlandesgericht Linz der 23-jährige Hauptangeklagte zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwei Jugendliche erhielten neun bzw. vier Jahre. Der Vorsitzende des Berufungssenats begründete die Strafen mit der „besonders heimtückischen, grausamen und verwerflichen Vorgehensweise“. Die drei Angeklagten hatten im Juli 2001 in Perg einem jungen Pärchen anstelle von Drogen Strychnin verkauft. Das 13-jährige Mädchen und ihr 16-jähriger Freund starben qualvoll.
In den vergangenen Jahren gab es in Österreich nur sehr selten Mordfälle, in denen Gift bzw. Überdosen von Medikamenten als „Tatwaffen“ verwendet wurden.
Von Werner Sabitzer in der aktuellen Ausgabe von KRIPO ONLINE
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Gift in der Politik
Über Jahrtausende war Gift ein bewährtes und wirksames Mittel, um Herrschende oder andere politische Gegner auszuschalten. Schon die ägyptischen Könige beschäftigten Vorkoster, ebenso römische Kaiser, die prophylaktisch ein aus Kräutern zubereitetes Gegenmittel zu sich nahmen, um sich vor Vergiftungen zu schützen. Auch in der „Personalpolitik“ von Päpsten spielte Gift vor Jahrhunderten eine Rolle. Auf Herzog Albrecht II. von Österreich wurde im Juli 1348 ein Giftanschlag verübt. Der Herzog beschuldigte zunächst seinen Küchenmeister, es stellte sich jedoch heraus, dass es sich um eine Intrige gehandelt hatte, hinter der ein Priester steckte. Im 17. Jahrhundert stieg die Zahl der Giftmorde stark an. In Italien wurde oft der Giftcocktail „Aqua della Tofnina“ verwendet, der Arsen enthielt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde bei 90 bis 95 Prozent aller Giftmorde Arsen verwendet.
Mordwaffe der Frauen
Gift wurde als Mordwaffe vor allem von Frauen benützt. Die Gründe liegen darin, dass keine physische Gewalt notwendig ist, das Opfer wehrt sich nicht. Und bis vor wenigen Jahrzehnten waren manche Gifte schwer nachweisbar. Prof. Dr. Ernst Seelig, einer der bekanntesten Kriminologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vermutete bei Giftmörderinnen eine „Überkompensation von Minderwertigkeitsgefühlen, indem sie durch das Bewusstsein ihrer heimlichen Macht über Leben und Tod ihren Geltungstrieb befriedigen“.
Die mörderischste aller Giftmischerinnen in der Kriminalgeschichte dürfte Trufania aus Neapel gewesen sein. Von ihr wird berichtet, dass sie um 1700 für die Vergiftung mehrerer hundert Männer verantwortlich gewesen sei. Sie hatte das Gift auch vielen anderen Frauen gegeben, die damit ihre Ehemänner beseitigten. Trufania wurde 70-jährig im Jahr 1723 mit der Garotte hingerichtet. Einer aus Samara stammenden und 1909 festgenommenen Russin, Popova, wurden bis zu 300 Giftmorde an Männern angelastet. Wie Trufania zwei Jahrhunderte vor ihr, hatte auch sie nicht nur selbst gemordet, sondern Gift auch an andere Frauen verkauft, die damit ihre Partner umbrachten oder früher erben wollten.
Zyankali für die Gräfin
Eine weitere Adelige wurde im Jahr 1867 des Giftmords überführt. Am 22. November 1867 wurde in einer Wohnung in München Mathilde Gräfin Chorinsky tot aufgefunden. Sie hatte unter dem Namen „Mathilde Baronin Ledske“ ein Zimmer gemietet. Da die Zimmerschlüssel und Briefe der Toten fehlten, wurde Fremdverschulden angenommen. Der Polizeiarzt vermutete eine Vergiftung durch Zyankali. Am Tag davor war die Gräfin von einer „Maria Baronin Vay“ aus Wien besucht worden. Die Münchner Polizisten wandten sich an ihre Kollegen in Wien. Die Ermittler forschten die Stiftsdame Julie Malwine Gabriele Ebergenyi von Telekes als die letzte Besucherin. Sie wurde als Tatverdächtiger verhaftet, ebenso ihr Liebhaber, Gustav Graf Chorinsky, Sohn des k. k. Statthalters von Niederösterreich und geschiedener Gatte des Mordopfers. Er hatte seiner Frau bereits früher mit Zyankali vermengte Bonbons geschickt. Die Gräfin hatte die Bonbons verschenkt; das Gift hatte aber keine Wirkung mehr. Graf Chorinsky wurde in München zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt; seine Geliebte wurde im April 1868 im Landesgericht Wien „des vollbrachten Verbrechens des Meuchelmordes“ für schuldig befunden und ebenfalls zu 20 Jahren Kerker verurteilt. Gleichzeitig wurde der Verlust des Adels ausgesprochen. Julie Ebergenyi wurde in der „Weiberstrafanstalt“ in Wiener Neudorf eingekerkert und 1872 in die Landesirrenanstalt in Wien-Alsergrund eingeliefert, wo sie ein Jahr später geistig umnachtet starb.
Die schöne Witwe
Einen weiteren spektakulären Fall einer Seriengiftmischerin gab es in der Zwischenkriegszeit in Wien: „In der Strafsache gegen die durch rechtskräftiges Urteil des Landesgerichtes für Strafsachen Wien II als Schwurgericht vom 19. Mai 1938 zum Tode verurteilte Karoline, genannt Martha Marek, habe ich beschlossen, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, sondern der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen.“ Zwei Wochen nach der Abweisung des Gnadengesuchs war Martha Marek tot – hingerichtet am 6. Dezember 1938 durch das Fallbeil. Das im Nazi-Jargon „Gerät F.“ genannte Fallbeil war im September 1938 von der Strafanstalt Berlin-Tegel nach Wien gebracht worden. Es handelte sich um die erste Hinrichtung einer Frau im 20. Jahrhundert. „Der Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler, seit einem halben Jahr Machthaber über Österreich, war dem Beispiel der Bundespräsidenten und Kaiser vor ihm nicht gefolgt, zum Tode verurteilte Frauen zu begnadigen und die Todesstrafe in eine Kerkerstrafe umzuwandeln. Martha Marek war für schuldig befunden worden, vier Menschen mit dem Rattengift „Zelio“, vergiftet zu haben: ihren Mann, ihre Tochter, eine Verwandte und eine Untermieterin.
Erstmals im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand Marek im April 1927, als sie und ihr Mann Emil in einem Aufsehen erregenden Prozess im Wiener Landesgericht von der Anklage des Versicherungsbetrugs freigesprochen wurden. Der Mann hatte sich ein Bein abgehackt und dem Paar gelang es, vor den Richtern darzustellen, dass es sich um einen Unfall und nicht um Absicht gehandelt hatte. Die Mareks erhielten eine hohe Versicherungssumme. Fünf Jahre später starb Martha Mareks kränkelnder Mann und kurz darauf ihre Tochter. Die trauernde Hinterbliebene erhielt Spenden von mitfühlenden Menschen; eine Verwandte, Susanne Löwenstein, setzte Marek zur Erbin ein. Kurz darauf kam auch Löwenstein ums Leben. Als das Erbe aufgebraucht war, nahm Marek eine Untermieterin auf, die sich bald dazu bereit erklärte, eine Lebensversicherung über 5.000 Schilling zu Gunsten ihrer Vermieterin abzuschließen. Eine verhängnisvolle Entscheidung. Kurz darauf war die Untermieterin tot. Der Sohn der Toten schöpfte Verdacht und wandte sich 1936 an die Polizei. Martha Marek wurde festgenommen.
Ein Bürgermeister als Seriengiftmörder
Tod durch den Strang lautete das Urteil gegen den Lebzelter und Bürgermeister Johann Oberreiter aus Werfen in Salzburg. Nach fünftägigem Prozess im k. k. Landesgericht Salzburg wurde der Angeklagte am 4. März 1865 schuldig gesprochen, seine Tochter und Stieftochter aus Geldgier vergiftet zu haben.
Johann Oberreiter, 1803 in Dienten am Hochkönig geboren, lernte den Beruf des Lebzelters in Radstadt und kam 1832 als Geselle nach Werfen, wo er im Lebzeltergeschäft einer jungen Witwe arbeitete, die er auch heiratete. Die Familie galt als angesehen, obwohl die Frau als cholerisch galt und ihre Kinder vernachlässigte; 1843 wurde Oberreiter zum Bürgermeister ernannt. Dieses Amt übte er bis 1848 aus. Im Jahr 1855 starb seine Frau und der Witwer wurde Alleinbesitzer des stattlichen Hauses. Vier Jahre später heiratete der inzwischen verschuldete Lebzelter eine „Chirurgenswitwe“.
Im Jahr 1864 starben innerhalb von wenigen Wochen eine Stieftochter und eine Tochter an denselben Symptomen. Oberreiter versuchte auffällig, eine möglichst schnelle Beerdigung zu erreichen. Seine Frau, der zu Ohren gekommen war, ihr Mann hätte seine erste Gattin umgebracht, erstattete kurze Zeit später beim Bezirksgericht St. Johann die Anzeige, ihr Mann hätte die beiden Mädchen mit Grünspan vergiftet, weil sie ihm zu einer „unerträglichen Last“ geworden seien.
Die Obduktion der beiden Leichen ergab, dass die Mädchen mit Arsen vergiftet worden waren. Johann Oberreiter wurde wegen des „Thatbestands des Verbrechens des Meuchelmordes“ verhaftet. Im k. k. Bezirksgericht St. Johann legte er ein Geständnis ab, allerdings gab er an, er hätte die „Leiden“ der Töchter „abkürzen“ wollen. Nach dem Geständnis wurde die Leiche seiner ersten Frau exhumiert und untersucht. Die körperlichen Überreste enthielten Spuren von Arsen und Kupfer.
Der Verdacht verstärkte sich, dass Oberreiter seine Frau mit Arsen vergiftet hatte. In diesem Punkt wurde der Angeklagte aber vom Gericht mangels Beweisen freigesprochen. Es blieb die Verurteilung wegen der Vergiftung seiner Tochter und Stieftochter. Die Vollstreckung des Todesurteils war die letzte Hinrichtung im 19. Jahrhundert in Salzburg.
Arsen und Spitzenhäubchen
Arsen war lange Zeit das klassische Tatmittel zur Beseitigung von politischen Gegnern, missliebigen Ehepartnern, künftigen Erblassern und anderen unerwünschten Zeitgenossen. Arsen ist geruch- und geschmacklos und für einen Erwachsenen ist schon eine Menge ab einem Zehntelgramm tödlich. Als Rattengift war es leicht verfügbar. Manchmal warteten die Täterinnen und Täter eine Durchfallepidemie ab; eine Arsenvergiftung hatte ähnliche Symptome.
In den vergangenen Jahrhunderten wurden viele angesehene Frauen als Giftmischerinnen enttarnt, darunter die bekannte Berliner Geheimrätin Charlotte Ursinus, die 1803 der deutschen Öffentlichkeit den ersten großen Giftmordskandal lieferte. 1811 wurde Margaretha Zwanziger hingerichtet, sie hatte ihr Opfer mit Arsen unter die Erde gebracht. Im 17. Jahrhundert vergiftete die Marquise Marie-Marguerite de Bringvilliers aus Rache ihren Vater, der ihren Liebhaber ins Gefängnis gebracht hatte. Die nächsten Opfer waren ihre beiden Brüder und ihre Schwester, um zur Erbschaft gelangen zu können. Das Giftmischen „übte“ sie an Tieren und Kranken.
Schließlich vergiftete sie auch ihren Ehemann, den sie loswerden wollte, um ihren Liebhaber heiraten zu können. Der wurde skeptisch, schließlich hatte er der Marquise das Giftmischen beigebracht. Als der Liebhaber beim Experimentieren in seinem Giftlabor plötzlich starb, entdeckte die Polizei eine Kiste mit Substanzen, die Marie-Marguerite de Bringvilliers verheimlichen wollte. Die Adlige floh zunächst nach England und später nach Lüttich, wo sie sich in einem Kloster versteckte. Ein Pariser Polizist reiste ihr nach, verkleidete sich als Geistlicher und nahm mit der Giftmischerin Kontakt auf. Er lockte sie aus der Stadt, wo sie verhaftet und nach Frankreich zurückgebracht wurde. Die schöne Mörderin gestand ihre Taten. Am 16. Juli 1676 wurde die 46-jährige Marquise mit dem Schwert enthauptet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Kopf wurde im Museum in Versailles ausgestellt.
Ratzenkraut und Mäusebutter
Gesche Margarethe Gottfried, eine angesehene Bürgerin Bremens zu Beginn des 19. Jahrhunderts, galt als vom Schicksal schwer geprüft. Innerhalb weniger Jahre waren ihre beiden Ehemänner, Eltern, Kinder und andere ihr nahe stehenden Menschen gestorben. Als im März 1825 eine Freundin von ihr von heftigen Krämpfen und Schmerzen heimgesucht wurde, pflegte sie die Musiklehrerin und wachte an ihrem Bett, bis die Kranke starb. Eine ärztliche Untersuchung der Toten konnte Gesche Gottfried verhindern, indem sie an das Schamgefühl und die Pietät appellierte. Nach dem Begräbnis kümmerte sich Gesche um den 80-jährigen, blinden Vater der Toten.
Gesche, Tochter eines Damenschneiders, wurde 1785 geboren und streng erzogen. Schon als Kind stahl sie kleinere Geldbeträge. Als junge Dame begann sie mit dem Theaterspielen. Einundzwanzigjährig heiratete sie einen wohlhabenden, verwitweten Sattlermeister. Schon nach kurzer Zeit begann sie Liebschaften mit zwei anderen Männern; ihren Ehemann wollte sie loswerden. Im Oktober 1813 starb er nach heftigen Bauchschmerzen. In den folgenden drei Jahren starben ihre Mutter, ihr Vater, ihre beiden Töchter, ihr Sohn und ihr Bruder – alle unter unsäglichen Schmerzen. Im Juli 1817 endete das Leben ihres zweiten Mannes, drei Tage nach der Hochzeit. Sechs Jahre später begann neuerlich ein unheimliches schmerzvolles Sterben von Menschen in der Nähe Gesche Gottfrieds; es waren vor allem wohlhabende Männer, die um ihre Hand anhielten und sie in ihren Testamenten berücksichtigten.
Verschuldet musste Gesche ihre Immobilien verkaufen. Das Haus, das sie bewohnte, erwarb der Radmachermeister Johann Christoph Rumpff, sie behielt sich das Wohnrecht. Kurz darauf starb Rumpffs Frau unter heftigen Bauchschmerzen. Gesche kümmerte sich um den Witwer.
Nach Vergiftungserscheinungen fand Rumpff verdächtige Substanzen in den Speisen, die ihm Gesche reichte. Er wandte sich an seinen Hausarzt; ein Chemiker stellte fest, dass es sich bei der Substanz um Arsen handelte. Am 6. März 1828, an ihrem 43. Geburtstag, wurde Gesche Margarethe Gottfried verhaftet; sie gestand nach und nach eine Reihe von Giftmorden, fast immer aus Geldgier. Die Frau wurde angeklagt, zwischen 1813 und 1827 fünfzehn Menschen mit „Ratzenkraut“, einem Rattenvertilgungsmittel, oder mit „Mäusebutter“, einer mit Arsen versetzten Butter, vergiftet zu haben. In vielen anderen Fällen dürften die Giftanschläge fehlgeschlagen haben.
Gesche Gottfried wurde am 17. September 1830 von einem Bremer Gericht zum Tod verurteilt und am 21. April 1831 hingerichtet. 35.000 Interessierte schauten dem Scharfrichter zu, wie er den Kopf der Giftmischerin mit einem Schlag vom übrigen Körper trennte. Ein Geschäftsmann hatte vor der Hinrichtung beim Senat darum angesucht, die Verurteilte gegen eine Gebühr zu den Freimarktstagen in Bremen ausstellen zu dürfen.
Der Kopf der Hingerichteten wurde in Spiritus gelegt und in einem Museum ausgestellt, das Eintrittsgeld wurde einer Taubstummenanstalt gespendet.
Briefe mit Anthrax
Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 tauchten in den USA Briefe auf, die das Gift Anthrax enthielten. Fünf Menschen starben, nachdem sie mit den Milzbrand-Erregern in Kontakt gekommen waren. Die Anschläge konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. In Österreich ermittelten die Sicherheitsbehörden in der damaligen Anthrax-Hysterie in 400 Verdachtsfällen; lediglich in einem Fall war der Test positiv: In einem Postsack in der US-Botschaft in der Wiener Boltzmanngasse wiesen die Experten Anthrax nach – allerdings nur geringste Spuren.
Giftspritze und Schierlingsbecher
Gift wird seit Jahrtausenden auch dazu benützt, um zum Tode Verurteilte ins Jenseits zu befördern. Eines der prominentesten Hinrichtungsopfer in der Geschichte war Sokrates (ca. 470 bis 399 v. Chr.): Ein Richtersenat in Athen hatte den Philosophen beschuldigt, gottlos zu sein, die Staatsreligion zu leugnen, die Jugend zu verführen und mit den verfeindeten Spartanern zu kollaborieren. Die Richter verurteilten den Angeklagten wegen Hochverrats zum Tod und zwangen Sokrates, den „Schierlingsbecher“ zu trinken. Im antiken Rom wurden Verurteilte mit Aconit vergiftet, einem Alkaloid, das unter anderem im Eisenhut enthalten ist. Heute werden in einigen US-Bundesstaaten zum Tode Verurteilte mit Giftspritzen hingerichtet.
Heilende und tödliche Wirkung
Gifte sind feste, flüssige oder gasförmige Substanzen, die bei einer bestimmten Dosis im Körper Schädigungen des Gewebes und der Organe bewirkt, die zu Krankheit und Tod führen können. Unterschieden wird in der Regel zwischen pflanzlichen (z. B. Atropin) und tierischen Giften, Bakteriengiften (z. B. Botulin), gewerblichen Giften, Umweltgiften und Suchtgiften.
In der Natur gibt es eine Reihe von Giften, etwa im Knollenblätterpilz, in der Alraune und in der Tollkirsche. Eines der gefährlichsten biologischen Gifte ist Botulin. Das Nervengift lähmt die Atemmuskulatur. Schon geringste Mengen im Magen-Darm-Trakt können tödlich wirken.
Der Nachweis von Giften im Körper eines Menschen ist oft schwierig. Manche giftige Substanzen hinterlassen keine auffälligen Spuren. Die Industrie entwickelt immer wieder neue Chemikalien, deren Einnahme für den Menschen gefährlich werden kann. Gifte, verabreicht in geringer Menge, können als Arznei wirken; in hoher Dosis können sie tödlich sein.
Im Jahr 1302 wurde in Bologna erstmals eine Obduktion zur Klärung eines Giftmordes durchgeführt. Im 16. Jahrhundert wurde Gift an Verbrechern getestet, um die tödliche Dosis zu ermitteln. Systematische Untersuchungen über die Wirkung von Gift und zum Nachweis im Gewebe gibt es erst seit ca. zweieinhalb Jahrhunderten. Das tödliche Arsenik-Pulver wurde bereits im 8. Jahrhundert von einem Araber hergestellt; erst im Jahr 1836 konnte es im Leichengewebe nachgewiesen werden – von James Marsh, der dazu eine Schwefelsäure-Zink-Mischung verwendete.
Als Begründer der forensischen Toxikologie gilt der Franzose Mathieau Joseph Bonaventura Orfila. Er verfasste im Jahr 1814 das Werk „Traité des Poisons“ und führte die ersten systematischen Untersuchungen der Leichen Vergifteter durch. Bis vor etwa einem Jahrhundert behalfen sich Gerichtsmediziner damit, Reste des mutmaßlichen Gifts an Hunde und andere Tiere zu verfüttern. Starben die Tiere, galt das als Nachweis des Gifts. Man versuchte auch, aus den Krankheitssymptomen und Leichenveränderungen Vergiftungen zu erkennen.
Heute analysieren die forensischen Toxikologen Blut, Serum, Urin, Mageninhalt und Haare. Die Methoden der forensischen Toxikologie bestehen hauptsächlich aus physikalischen und chemischen Analysen. Analysemethoden sind neben den gängigen Methoden der analytischen Chemie vor allem die relativ einfache und billige Dünnschichtchromatografie, die genauere Gaschromatografie und die Hochdruckflüssigkeits-Chromatografie.
Besondere Bedeutung für die Untersuchung von Geweben und Körperflüssigkeiten nach Giftstoffen haben die Massenspektroskopie, die Infrarot- und die Ultraviolettspektroskopie. Weiters gibt es immunchemische Tests und Screening-Methoden.
Giftschlangen als Waffe
In der steirischen Stadt Leoben sandte im Jahr 2004 ein 40-Jähriger seiner Freundin ein SMS, dass er sich mit Giftschlangen das Leben nehmen werde. Als zwei Polizisten mit zwei Schlangenexperten die Wohnung des Lebensmüden betraten, stand ihnen der stark alkoholisierte Mann mit zwei Kobras gegenüber. Der Mann ging mit den Schlangen auf die Beamten los. Die Polizisten setzten zunächst Pfefferspray ein; da dieser wirkungslos blieb, schoss ein Beamter dem Mann in Notwehr in den Oberschenkel; der 40-Jährige brach zusammen. Eine der Kobras biss ihn in den Unterarm; das Opfer überlebte. In der Wohnung befanden sich 60 Giftschlangen.
Von Werner Sabitzer in der aktuellen Ausgabe von KRIPO ONLINE
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