München (AFP) — Haben die Detektive den Trenchcoat gegen den Nadelstreifenanzug getauscht? Das Auffliegen der Schnüffeleien bei Aufsichtsräten der Telekom und jetzt möglicherweise auch bei der Bahn deutet auf einen Wandel dieses von Geheimnissen umwitterten Berufs hin - weg von der Straße und 'rein in die Vorstandsetagen. Der Bundesverband Deutscher Detektive (BDD) bestätigt den Trend. Seit vergangenem Jahr machen bei Detektiven Wirtschaftsaufträge etwa zum Aufdecken des Verrats von Betriebsgeheimnissen den größten Teil aus. Mit welchen Methoden dabei genau gearbeitet wird, bleibt aber im Unklaren.
Die Telekom und die Bahn arbeiteten mit der Berliner Datenauswertungsfirma Network Deutschland zusammen. Allein von der Telekom soll diese mehrere hunderttausend Euro dafür kassiert haben, dass sie Kontakten von Aufsichtsräten zu Journalisten nachging. Es handelte sich also um Aufgaben, die weniger mit Datenauswertung als mit Ausspähen zu tun haben und damit im Detektivbereich anzusiedeln sind. Auch die "klassischen" Detektive übernehmen inzwischen zu 75 bis 80 Prozent Wirtschaftsjobs, wie BDD-Sprecher Josef Riehl bestätigt. Privataufträge rund um untreue Ehepartner oder Erbstreitereien machen nur knapp ein Fünftel der Jobs aus.
In Deutschland gibt es insgesamt 1530 selbstständige Detekteien. Diese machten 2006 zusammen einen Jahresumsatz von 241 Millionen Euro, womit im Schnitt jede Detektei etwas über 157.000 Euro erwirtschaftete. Laut Riehl entsprechen 1530 Detekteien nach Schätzung des größten Branchenverbandes etwa 3000 detektivisch tätigen Menschen in Deutschland, Kaufhausdetektive nicht mitgerechnet. Der normale Detektiv sei ein Einzelkämpfer, der sich für einzelne Aufträge immer wieder die Hilfe von freien Mitarbeitern suche.
Nach Angaben Riehls bestanden bis zum Jahr 2007 die meisten Aufträge für Detektive darin, Mitarbeitervergehen wie vorgeschwindelte Erkrankungen oder Schwarzarbeit aufzudecken. Seit dem vergangenen Jahr stünden solche Jobs nur noch an zweiter Stelle. Bei den meisten Aufträgen gehe es nun darum, dem Verrat von Betriebsgeheimnissen, Untreuefällen gegen das Unternehmen oder auch Diebstählen nachzuforschen - alles Vergehen, wie sie auch der Discounter Lidl durch eine großflächige Überwachung seiner Mitarbeiter herausfinden wollte.
Wie genau die Detektive arbeiten und wer überhaupt als Detektiv arbeitet, verschwindet allerdings hinter großen Fragezeichen. Denn für den Beruf ist nur ein Gewerbeschein zwingend nötig, trotz Forderungen auch des BDD gibt es keine verpflichtende Ausbildung und damit keine allgemeinen Standards. Und BDD-Sprecher Riehl versichert zwar, dass seine Kollegen sich an die Gesetze hielten - "anders als Fernsehdetektiv Matula, so würde ein richtiger Detektiv nie arbeiten". Zugleich Riehl aber auch einräumen, dass es keine Hindernisse für schwarze Schafe gibt, den Job auszuüben.
So hat der BDD an seine Mitglieder zwar hohe Ansprüche und verlangt für eine Aufnahme einwandfreie polizeiliche Führungszeugnisse. Von den 1530 Selbstständigen sind im größten Verband aber nur 160 organisiert. Die übrigen 1370 Detekteien arbeiten jenseits einer Verbandskontrolle. "Wir haben immer wieder Anfragen für Mitgliedschaften. Wenn wir dann aber unsere Anforderungen bekannt geben, verlieren die meisten das Interesse", sagt Riehl. Der BDD schließt zwar aus, dass unter seinen Mitgliedern frühere Stasi-Mitarbeiter oder ehemalige BND-Spitzel sind. Aber bei der Telekom sollen auch Stasi-Schnüffler die unappetitlichen Jobs übernommen haben.
In dieser für ihren Stand rufschädigenden Zeit hat der BDD wenigstens einen Trost: Nachdem die Detektive sich in Sendungen wie "Ein Fall für zwei" klischeehaft falsch dargestellt fühlen, haben sie jetzt eine Lieblingsfernsehsendung: Der Detektiv von "WISO ermittelt" in der ZDF-Wirtschaftssendung komme dem tatsächlichen Job sehr nahe. Der Detektiv dort ermittelt zwar im Trenchcoat - darunter trägt er aber manchmal Nadelstreifen.
Quelle: google, 3.6.2008
URL: http://afp.google.com/article/ALeqM5g6qM4FiQSjTPuzHQsaBboG2J3SyA
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