Branche strebt fordert strengere Prüfung für Neulinge
Berlin - Durch die Spitzel- und Überwachungsskandale bei der Telekom und Lidl ist die Spürnasen-Branche ins Zwielicht zu geraten. Der Bundesverband Deutscher Detektive (BDD) will schwarze Schafe nicht dulden und strengere Prüfungen für Neulinge durchsetzen. Pfiffig, seriös und am Ende immer auf der richtigen Spur – so begeistert Sherlock Holmes Millionen Leser. Für das Detektivgewerbe ist der britische Romankollege die beste Werbung, die man sich vorstellen kann. Und gute Werbung kann die Branche brauchen. Denn die spektakulären Schnüffelaffären haben die Spürnasen in Verruf gebracht. Zu Unrecht, findet BDD-Sprecher Josef Riehl. "Wir distanzieren uns ausdrücklich von Machenschaften, wie sie bei der Telekom und Lidl bekannt wurden", betont der Verbandsstratege. Mit Anbietern wie dem Berliner Unternehmen Network, das für den Telefonriesen spitzelte, habe man nichts zu tun. Auch die Detektive, die Network zur illegalen Auswertung von Telefondaten eingesetzt habe, seien nicht Mitglied im Verband. Das verwundert allerdings nicht. Denn als älteste Branchenvertretung will der BDD nur seriöse und sachkundige Detektive in seinen Reihen haben. Wer Mitglied werden will, muss in einer schriftlichen und mündlichen Prüfung seine Expertise nachweise, mindestens 24 Jahre alt sein und wenigstens zwei Jahre in der Branche gearbeitet haben. Ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und geordnete wirtschaftliche Verhältnisse sind ebenfalls Voraussetzung.
Viele fallen durchs Raster
Diese Hürden sind offenbar für viele zu hoch. Nur 160 Mitglieder zählt der Bonner Verband. Damit ist gerade mal jeder zehnte deutsche Detektiv im wichtigsten Branchengremium vertreten. 20 bis 30 Mitgliedsanfragen bekomme man zwar im Monat, berichtet Riehl. Doch nur zwei bis drei Neulinge kommen bis zur Aufnahmeprüfung beim Verband. "Da fallen zuvor viele durchs Raster", sagt der Sprecher des Detektivverbands. Das sagt viel über die Struktur einer Branche, deren Geschäft die Geheimniskrämerei ist. Nachforschung, Beschattung, Aufklärung - so sieht die klassische Tätigkeit der Spürnasen aus. 1530 Detekteien gibt es in Deutschland. Meist sind es Ein- oder Zweimann-Betriebe. Jedes zweite Unternehmen macht weniger als 50.000 Euro Jahresumsatz und eher bescheidene Gewinne. Gut hundert Anbieter setzen allerdings laut BDD mehr als eine Viertel Million Euro pro Jahr um. Die Telekom-Spitzelfirma Network darf also zu den Großen der Branche gerechnet werden. Der Skandal flog bekanntlich auf, als deren Chef Ralph Kühn schriftlich fast 400.000 Euro für seine Dienste bei der Telekom einforderte. Die Deutsche Bahn wiederum erteilte den Berlinern binnen zehn Jahren Aufträge für weitere 800.000 Euro. Dabei soll es nur um völlig legale Nachforschungen gegangen sein, zum Beispiel zum Verbleib von Lokomotiven und um Kartellsachverhalte. "Das wäre völlig in Ordnung und gehört zum Alltag seriöser Detektive", sagt Riehl. Kriminell allerdings werde ein Einsatz, wenn wie bei der Telekom gegen Datenschutz- und Fernmeldegesetze verstoßen werde oder Zielpersonen sogar abgehört würden: "Damit macht sich auch ein Detektiv strafbar." Vier von fünf Schnüffel-Aufträgen kommen laut DBB von Wirtschaftsunternehmen, Anwälten und Notaren. Nicht selten geht es wie bei der Telekom darum, undichte Stellen im Konzern zu finden oder Wirtschaftsspionage zu verhindern. Bei jedem dritten Auftrag soll das Verhalten von Mitarbeitern ausgeforscht werden.
Fingerspitzengefühl ist notwendig
Krankmachern, Schwarzarbeitern, aber auch den Verrätern von Geschäftsgeheimnissen sollen die Detekteien auf die Spur kommen. Klassische in der Branche Methode dafür ist Beschattung. Zielpersonen werden verfolgt, ihre Tätigkeiten fotografiert, protokolliert und so für spätere Gerichtsprozesse beweiskräftig dokumentiert. "Ein seriöser Detektiv achtet dabei die Privat- und Intimsphäre und wägt sorgfältig ab, wie weit er im Dienste der Aufklärung gehen kann", beschreibt Riehl die oft heikle Gratwanderung. Dafür sind ein starker Charakter, Fingerspitzengefühl und Sachkenntnis nötig. Um schwarze Schafe auszusieben und den Ruf der Brache zu verbessern, strebt der BDD eine Aufnahmeprüfung für Neulinge vor den Industrie- und Handelskammern an. Diese hätte dann einen strengeren Charakter als die Prüfung beim Verband. Mit den IHK in Stuttgart und Düsseldorf gibt es dazu Gespräche. "Wir wollen so höhere Qualitätsstandards durchsetzen", sagt Riehl. Das erscheint nötig. Denn das Berufsbild des Detektivs ist nicht geschützt. Anders als in der Schweiz oder Österreich reicht schon ein Gewerbeschein, um als Schnüffler loslegen zu können. Das nutzen zwielichtige Geschäftemacher gerne unverfroren aus. So schrieb eine Berliner Detektei Massenrundbriefe an Familien, in denen einem Ehepartner unverblümt Untreue unterstellt wurde. Zur Aufklärung bot die Firma gleich ihre Hilfe an.
Stuttgarter Zeitung, 04.06.2008 - aktualisiert: 04.06.2008 17:41 Uhr, von Thomas Wüpper
URL: http://www.bw-bank.de/privatkunden/1000010040-de.html